Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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Mammakarzinom: Risikofaktoren

Autor/en: A.C. Regierer, K. Possinger
Letzte Änderung: 17.10.2005

Man unterscheidet zwischen allgemeinen und determinierenden bzw. endogenen und exogenen Risikofaktoren.

Tab. 2.1: Allgemeine und determinierende Risikofaktoren

Allgemeine Risikofaktoren

Determinierende Risikofaktoren

Geschlecht

genetische Prädisposition

Alter

Familienanamnese

Größe (>1,67 m schlechter als <1,52 m)

Strahlenexposition

westliche Lebensweise

Hormonsubstitution

frühe Menarche (<12 Jahre);
späte Menopause (>55 Jahre)

 

Body-Mass-Index >35 (postmenopausal)

Alkohol

Allgemeine Risikofaktoren

Neben dem Geschlecht ist das Alter der bei weitem gewichtigste Risikofaktor, an Brustkrebs zu erkranken. Mit zunehmendem Alter nimmt die Brustkrebsinzidenz dramatisch zu.

Tab. 2.2: Altersgruppen und Brustkrebshäufigkeit

Alter

Mammakarzinome/Frauen

30-40 Jahre

1/252

40-50 Jahre

1/68

50-60 Jahre

1/35

60-70 Jahre

1/27

70-80 Jahre

1/8

Die Dauer der Östrogenexposition ist ein wichtiger Risikofaktor, mit negativem Effekt einer frühen Menarche (<12 Jahre) und einer späten Menopause (>55 Jahre).

Epidemiologische Untersuchungen zeigen, dass Mammakarzinome in Nordamerika sowie Nord- und Mitteleuropa etwa 5-mal häufiger auftreten als in Asien und Südamerika.
Zusätzlich zu diesen ethnischen müssen peristatische Faktoren (Umgebungsfaktoren) wie z.B. Ernährung die Ursache dafür sein, dass sich die Mammakarzinominzidenz bei Auswanderern aus Ländern mit geringer Mammakarzinomhäufigkeit innerhalb weniger Generationen der des Gastlandes angleicht.
Die Tatsache, dass Angehörige höherer sozialer Schichten häufiger an Brustkrebs erkranken als Mitglieder ärmerer Bevölkerungsgruppen, dürfte ebenfalls auf peristatische Faktoren zurückzuführen sein.

Geburten (pro Geburt um 7%) und langes Stillen (4,3% pro 12 Monate) scheinen das Brustkrebsrisiko zu mindern.

Eine positive Korrelation besteht zwischen dem Fettgehalt der Nahrung und dem Mammakarzinomrisiko. Dies gilt vor allem für postmenopausale Frauen, bei denen eine erhöhte Nahrungsfettaufnahme mit einer gesteigerten Östrogenproduktion einhergeht. Dementsprechend wurde auch ein hoher Body-Mass-Index als Risikofaktor identifiziert.

Determinierende Risikofaktoren

Genetische Prädisposition

Eine genetisch fixierte Prädisposition ist etwa bei 5-10% aller Frauen mit Brustkrebs anzunehmen. Klinisch relevant scheinen von den Onkogenen die Amplifikation des HER-2/neu- (Synonyme: c-erbB-2, p185) und des Epidermal-Growth-Factor-Rezeptor-(EGFR; Synonym: erbB-1-)Gens und von den Tumorsuppressorgenen Mutationen von p53, BRCA-1, BRCA-2, AT (Ataxia teleangiectatica) und pTEN/MMAC1 zu sein.

BRCA-1 ist auf dem Chromosom 17 (17q21), BRCA-2 auf dem Chromosom 13 (13q12-13) lokalisiert.
Das Vorhandensein von Mutationen des BRCA-1- oder -2-Gens geht für Trägerinnen dieser Mutationen mit einem 56%igen Risiko für eine Mammakarzinomentwicklung innerhalb von 75 Lebensjahren einher [Healy B 1997]. Früher veröffentlichte Daten mit einem Risiko von mindestens 85% sind dadurch zu erklären, dass nur Hochrisikofamilien untersucht wurden.

Bei über der Hälfte der Trägerinnen von mutierten BRCA-Genen wird das Mammakarzinom vor dem 50. Lebensjahr klinisch manifest. Für sie besteht gleichzeitig ein erhöhtes Risiko, an einem Ovarial- oder Kolonkarzinom zu erkranken.
Bei Männern mit BRCA-1-Mutationen treten gehäuft Prostatakarzinome, bei Vorliegen einer BRCA-2-Mutation Mammakarzinome auf.

Pathogenetisch relevant sind auch Amplifikationen des c-myc-Protoonkogens sowie ein Heterozygositätsverlust von Genen auf dem kurzen Arm von Chromosom 3.

Screening von BRCA-1-Trägerinnen

Folgende Kriterien sollten für die genetische Untersuchung manifest erkrankter Patientinnen zutreffen:

  • Brustkrebs (bzw. die Ovarialerkrankung) muss vor dem 50. Lebensjahr und bei mindestens einer weiteren Verwandten unabhängig vom Verwandtschaftsgrad und deren Erkrankungsalter aufgetreten sein;
  • die Erkrankung muss nach dem 50. Lebensjahr und bei mindestens einer Verwandten 1./2. Grades vor dem 50. Lebensjahr manifest geworden sein;
  • mehr als ein Primärtumor muss unabhängig vom Erkrankungsalter und dem familiären Vorkommen diagnostiziert worden sein.

Voraussetzungen für die Untersuchung nicht betroffener Frauen sind:

  • Alter >/= 18 Jahre
  • Mutationsnachweis bei einer nahen Verwandten.

Tab. 2.3: Lebenslanges Krebsrisiko bei BRCA-1-Mutation [s. auch http://cancer.gov/cancerinfo/pdq/genetics]

Karzinom

Generelles Risiko

Risiko bei BRCA-1-Mutation

Mammakarzinom

10-13%

36-85%

Ovarialkarzinom

1-2%

16-60%

Kolonkarzinom

6%

erhöht

Prostatakarzinom

18-20%

erhöht

Weitere determinierende Risikofaktoren

Zu den determinierenden Risikofaktoren für Brustkrebs gehört weiterhin die Strahlenexposition. Dies zeigte sich in besonderem Maße nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki. Bei den strahlenexponierten Frauen fanden sich in der Folge signifikant häufiger Mammakarzinome als bei der übrigen japanischen Bevölkerung. Auch Frauen, die wegen einer Lungentuberkulose häufig geröntgt oder wegen einer Mastitis oder eines Thymoms bestrahlt wurden, entwickeln in der Folgezeit signifikant häufiger Mammakarzinome. Jüngste Studienergebnisse zeigen, dass die kombinierte hormonelle Ersatztherapie (Östrogene + Gestagene) ebenfalls mit einer signifikanten Erhöhung des Brustkrebsrisikos einhergeht. Da sich außerdem entgegen früheren Annahmen kein sicherer Nutzen bezüglich der Prävention koronarer Herzerkrankungen zeigen lässt und zudem eine deutlich erhöhte Inzidenz von thromboembolischen Ereignissen und Schlaganfällen besteht, ist der Einsatz hormoneller Ersatztherapien als kritisch einzustufen. Die Entscheidung hierzu muss unter sorgfältiger Abwägung potenzieller Risiken und des erhofften Nutzens (Besserung menopausaler Beschwerden, Reduktion des Osteoporoserisikos) getroffen werden [Beral V 2003].

Die Einnahme von Antikonzeptiva scheint das Brustkrebsrisiko nur marginal zu beeinflussen. Das relative Risiko liegt in einer Meta-Analyse von 54 Studien bei 1,24 (Collaborative Group on Hormonal Factors in Breast Cancer). Die Langzeiteinnahme (>8 Jahre) von Antikonzeptiva bei Frauen unter 45 Jahren geht mit einem minimal erhöhten Brustkrebsrisiko einher [Daudt A 1996].

Die Annahme, dass die bei Raucherinnen früher einsetzende Menopause einen protektiven Einfluss auf das Erkrankungsrisiko hat, konnte nicht bestätigt werden.

Individuelles Risiko

1989 wurde durch Gail ein statistisches Modell zur Einschätzung des individuellen Risikos, an Mammakarzinom zu erkranken, erstellt (www.halls.md/breast/risk.htm). Dieses Modell berechnet die Wahrscheinlichkeit, in einem bestimmten Alter mit spezifischen Risikofaktoren (familiäre Belastung, Alter bei Menarche, Menopause und bei erster Lebendgeburt, benigne Brusterkrankungen) in einem festgelegten Zeitraum an einem Mammakarzinom zu erkranken. Das individuelle Brustkrebsrisiko lässt sich auch wie in Tabelle 2.4 dargestellt abschätzen.

Tab. 2.4: Faktoren zur Abschätzung des individuellen Risikos (s. auch [Armstrong K 2000] )

Risikofaktoren

Relatives Risiko

familiäre Belastung (Verwandtschaft 1. Grades)

1,4-13,6

Alter (>/= 50 Jahre vs. <50 Jahre)

6,5

gutartige Brusterkrankung: atypische Hyperplasie

4,0-4,4

Alter bei erster Lebendgeburt (>30 Jahre vs. <20 Jahre)

1,3-2,2

Alter bei Menopause (>/= 55 Jahre vs. <55 Jahre)

1,5-2,0

familiäre Belastung (Verwandtschaft 2. Grades)

1,5-1,8

gutartige Brusterkrankung: Biopsie

1,5-1,8

Alter bei Menarche (<12 Jahre vs. >/= 14 Jahre)

1,2-1,5

Hormonersatztherapie

1,0-1,5

Zusammenfassung

  • Die wichtigsten allgemeinen Risikofaktoren sind neben dem Geschlecht das Alter, die Größe, die westliche Lebensweise, der Body-Mass-Index und die Dauer der natürlichen Östrogenexposition.
  • Determinierende Risikofaktoren sind die familiäre Belastung, die Strahlenexposition, die Hormonersatztherapie und die genetische Prädisposition.
  • Eine genetische Prädisposition liegt nur bei 5-10% aller Frauen mit Brust-krebs vor. Besitzen Frauen eine BRCA-1-Mutation, so beträgt das Risiko, ein Mammakarzinom zu entwickeln, 36-85% und das Risiko für ein Ovarialkarzinom 16-60%.
  • Das individuelle Brustkrebsrisiko kann u.a. durch das Gail-Modell berechnet werden.

Literaturreferenzen:

  • Armstrong K, Eisen A, Weber B.
    Assessing the risk of breast cancer.
    N Engl J Med 2000;342:564-571. PM:10684916
    [Medline]


  • Beral V, Million Women Study Collaborators.
    Breast cancer and hormone-replacement therapy in the Million Women Study.
    Lancer 2003;362:419-427. PM:12927427
    [Medline]


  • Daudt A, Alberg AJ, Helzlsouer KJ.
    Epidemiology, prevention, and early detection of breast cancer.
    Curr Opin Oncol 1996;8:455-461. PM:8971464
    [Medline]


  • Healy B.
    BRCA genes - bookmaking, fortunetelling, and medical care.
    N Engl J Med 1997;336:1448-1449. PM:9145684
    [Medline]


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