Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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1 Definition der akuten myeloischen Leukämie

Autor/en: F. Kroschinsky, H. Wandt
Letzte Änderung: 01.07.2008

Die Entstehung von akuten Leukämien beruht auf genetischen Alterationen innerhalb hämatopoetischer Vorläuferzellen. Folge ist eine klonale Proliferation und Akkumulation neoplastischer Zellen mit Verdrängung der physiologischen Blutbildung. In Abhängigkeit davon, welche Zelllinie von der genetischen Läsion betroffen ist, entwickelt sich eine akute lymphatische bzw. eine akute myeloische Leukämie (AML). Akute myeloische Leukämien können ohne eine erkennbar assoziierte Vorerkrankung entstehen (De-novo-AML) oder sich auf dem Boden einer präexistenten Hämatopoesestörung oder einer vorangegangenen Krebstherapie entwickeln (sekundäre AML).

Das klinische Bild der Erkrankung wird in der Regel durch die Folgen der hämatopoetischen Insuffizienz bestimmt. Wichtige Leitsymptome sind Blässe, körperliche Schwäche, Fieber, lokalisierte oder systemische Infektionen, Blutungszeichen und Gerinnungsstörungen. Infolge einer Infiltration mit leukämischen Blasten kommt es darüber hinaus oft zu einer Hepato- und/oder Splenomegalie bzw. zu Lymphknotenschwellungen. Aufgrund der hohen Proliferationsrate entwickeln sich akute Leukämien in der Regel kurzfristig, innerhalb weniger Wochen. Bei älteren Patienten bzw. bei sekundären AML kann die Krankheitsentwicklung gelegentlich auch protrahierter verlaufen.

Beweisend für die Diagnose einer akuten Leukämie ist der Nachweis einer unreifen leukämischen Zellpopulation, der grundsätzlich anhand von Knochenmark bzw. peripherem Blut erfolgt. Durch eine Gruppe französischer, amerikanischer und britischer Wissenschaftler wurde Mitte der 1970er-Jahre erstmals eine systematische Einteilung der akuten Leukämien erarbeitet [Bennet JM 1976]. Grundlage dieser sog. French-American-British-(FAB-)Klassifikation bilden die morphologischen und zytochemischen Merkmale der Blastenpopulation sowie die Anteile reiferer myeloischer Zellelemente. Die ursprüngliche Form der FAB-Klassifikation beschreibt myeloische Leukämien ohne und mit Ausreifung, promyelozytäre Leukämien, myelomonozytäre und monozytäre Leukämien sowie erythroide Leukämien (AML M1-M6). Später wurden unter Einbeziehung immunologischer und elektronenmikroskopischer Befunde Entitäten mit minimaler myeloischer Differenzierung bzw. megakaryozytäre Leukämien definiert (AML M0, AML M7) [Bennet JM 1985] [Bennet JM 1991].

In den vergangenen etwa 15 Jahren gelang es darüber hinaus, zytogenetische Veränderungen und molekulare Charakteristika von Leukämien systematisch zu untersuchen. Es wurde zunehmend klar, dass die Biologie der myeloischen Leukämien besser durch die genetischen Merkmale zu bestimmen ist als allein anhand von Morphologie und Enzymausstattung der Zellen. Diese Tendenz in der Betrachtungsweise vom Phänotyp hin zum Genotyp der Leukämiezellen fand in der aktuellen WHO-Klassifikation der Tumoren des hämatopoetischen Gewebes ihren Niederschlag [Jaffe ES 2001]. Hier wurden erstmals zytogenetische und z.T. auch molekulargenetische Befunde als bestimmende Faktoren integriert. Neben morphologisch und vom Krankheitsverlauf her definierten Untergruppen finden sich Entitäten, die vorwiegend genetisch determiniert sind. Schon heute beeinflussen diese Befunde z.T. die Wahl der optimalen Therapie (z.B. Behandlung der akuten Promyelozytenleukämie mit Chemotherapie und All-trans-Retinolsäure).

Man kann davon ausgehen, dass die WHO-Klassifikation schon in naher Zukunft aufgrund neuer genetischer und insbesondere molekularbiologischer Erkenntnisse sowie durch die Ergebnisse von Genexpressionsanalysen ergänzt und modifiziert werden muss. Als Folge davon könnte die heute noch relativ gleichartige Chemotherapie der AML (Ausnahme: akute Promyelozytenleukämie, s. oben) eine entsprechend der Biologie differenzierte Vielfalt erfahren - natürlich mit dem Ziel verbesserter Behandlungsergebnisse.

Literaturreferenzen:

  • Bennet JM et al.
    Proposals for the classification of the acute leukaemias (FAB Cooperative Group).
    Brit J Haematol 1976;33:451-458.


  • Bennet JM et al.
    Criteria for the diagnosis of acute leukemia of megakaryocyte lineage (M7). A report of the French-American-British Cooperative Group.
    Ann Intern Med 1985;103 (3):460-462.


  • Bennet JM et al.
    Proposal for the recognition of minimally differentiated acute myeloid leukaemia (AML-M0).
    Brit J Haematol 1991;78 (3):458-459.


  • Jaffe ES et al.
    World Health Organization Classification of Tumours. Pathology and genetics of tumours of haematopoietic and lymphoid tissues.
    IARC Press (eds) 2001, Lyon.


Bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag" (Publikation als Buch)
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