Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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3.1 Epidemiologie

Autor/en: M. Schaich
Letzte Änderung: 01.07.2008

3.1.1 Häufigkeit

Aktueller Stand

Die akute myeloische Leukämie (AML) macht etwa 80-90% der Fälle an akuten Leukämien des Erwachsenen und ungefähr 15-20% der Fälle im Kindesalter aus. Die höchsten Inzidenzen der AML des Erwachsenen finden sich in Nordamerika, Westeuropa und Ozeanien, die niedrigsten in Asien und Lateinamerika. Demgegenüber sind die Inzidenzen der kindlichen AML in Asien deutlich höher als in Nordamerika [Aoki K 1992] [Bhatia S 1995]. Diese Unterschiede legen zum einen eine genetische Prädisposition nahe, können zum anderen jedoch auch Ausdruck einer unterschiedlichen Erfassung bzw. Diagnosegenauigkeit der Erkrankung in den unterschiedlichen Regionen der Erde sein. Weiterhin scheint es auch geographische Unterschiede im Erscheinungsbild der Erkrankung zu geben. Zum Beispiel findet sich in der Türkei eine überdurchschnittliche Häufung von Chloromen der Orbita als Erstmanifestation der kindlichen AML [Cavdar AO 1989].

Das größte Krebsregister Amerikas, das SEER (Surveillance Epidemiology and End Results), gibt aktuell für das Jahr 2003 eine altersadjustierte Inzidenz der AML von 3,4/100000 Einwohner an [Ries LAG 2006]. Diese Inzidenz war für Männer deutlich höher als für Frauen (4,4 vs. 2,8). Die Unterschiede bezüglich der ethnischen Zugehörigkeit waren mit einer Inzidenz von 3,5 bei weißen Amerikanern im Vergleich zu 3,0 bei farbigen geringer. Die deutlichsten Inzidenzunterschiede finden sich für das Alter. Bis zu einem Alter von 39 Jahren verändert sich die Inzidenz kaum und schwankt zwischen Werten von 0,4 in der Gruppe der 5- bis 9-Jährigen und 1,4 bei den 35- bis 39-Jährigen. Eine Inzidenz von 1,4 findet sich ebenso bei den unter Einjährigen. Hier kommt zum Tragen, dass die AML die Mehrzahl der seltenen kongenitalen Leukämien ausmacht [Bhatia S 1995]. Mit zunehmendem Alter steigt dann die Inzidenz der AML deutlich an und beträgt 7,3 bei den 60- bis 64-Jährigen, 15,3 bei den 70- bis 74-Jährigen und 23,1 bei den 80 bis 84-Jährigen.

Damit beträgt das mediane Alter bei Diagnosestellung 67 Jahre, sodass die AML als eine Erkrankung des älteren Menschen angesehen werden muss.

Bezüglich dieses medianen Erkrankungsalters gibt es keine geschlechtsspezifischen Unterschiede. Menschen mit einer schwarzen Hautfarbe erkranken jedoch im Median 10 Jahre früher an einer AML als solche mit weißer Haut.

In Deutschland existiert seit 1980 zwar ein Kinderkrebsregister, in dem 95% aller Krebsfälle bei Kindern bis 15 Jahren registriert werden [Kaatsch P 2004], im Gegensatz zu den meisten angloamerikanischen und einigen skandinavischen Ländern gibt es aber keine flächendeckenden, zentralen Register zur Erfassung von Leukämiefällen bei Erwachsenen. Der von der GEKID ("Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V.") und dem Robert-Koch-Institut herausgegebene Bericht zu Krebs in Deutschland kann sich nur auf einzelne lokale Krebsregister beziehen [Bertz J 2006]. Eine mehr als 90%ige Erfassung gibt es demnach nur in wenigen Landesteilen wie z.B. im Saarland oder in Mecklenburg-Vorpommern. Weiterhin unterscheiden diese regionalen Register nicht zwischen den einzelnen Unterformen der Leukämien, sodass Aussagen zur AML nicht möglich sind.

Um diesbezüglich Abhilfe zu schaffen, werden im Rahmen eines Projekts innerhalb des "Deutschen Kompetenznetzes akute und chronische Leukämien" anhand der Häufigkeitsdaten des bereits erwähnten größten amerikanischen Krebsregisters (SEER) und der deutschen Bevölkerungsdaten Schätzzahlen für Deutschland erhoben [Hellenbrecht A 2003]. Limitierende Faktoren bezüglich der Vergleichbarkeit mit den amerikanischen Zahlen ergeben sich u.a. durch regionale Faktoren, z.B. unterschiedliche Klima- und Umweltbedingungen, sowie Schwierigkeiten bei der statistischen Erfassung, insbesondere von Patienten höheren Alters, die oft nicht gemeldet oder erfasst werden. Bei Berücksichtigung dieser Umstände liegt die Anzahl der geschätzten Neuerkrankungen in Deutschland bei insgesamt etwa 3600/Jahr. Auch in Deutschland ist ein deutlicher Anstieg der Fälle pro Jahr mit dem Alter zu verzeichnen (s. Abb. 3.1). Der Rückgang der Fälle bei den über 80-Jährigen muss wohl mit einer deutlich schlechteren Registrierung dieser Patienten im Vergleich zu den USA interpretiert werden.

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Abb. 3.1: Geschätzte AML-Fälle pro Jahr in Deutschland (Stand: 2000) [Hellenbrecht A 2003]

Die geschätzte Inzidenz der AML des Erwachsenen in Deutschland liegt damit jährlich bei 4,3/100.000 für Männer und 2,9/100.000 für Frauen.

Im europäischen Vergleich liegen die für Deutschland ermittelten Inzidenzen und Prävalenzen aller Leukämieunterarten zusammen für Männer im mittleren und für Frauen im oberen Drittel. Höhere Raten sind für beide Geschlechter z.B. in Luxemburg, Frankreich, Dänemark und Belgien zu beobachten, während die niedrigsten Raten in Polen und Finnland zu finden sind [Bertz J 2006] [Lutz JM 2003].

Die altersstandardisierte Inzidenz der kindlichen AML beläuft sich in Deutschland jährlich auf 0,7/100.000.

Das bedeutet 89 gemeldete Neuerkrankungen bei Kindern pro Jahr. Das Verhältnis von Jungen zu Mädchen beträgt 1,1:1 [Kaatsch P 2004]. Die alterspezifischen Inzidenzen der kindlichen AML sind damit mit denen des amerikanischen Registers vergleichbar.

Trends

Seit Mitte der 1970er-Jahre hat sich die jährliche Inzidenz der AML gemäß den Daten der amerikanischen SEER kaum verändert und schwankt altersadjustiert zwischen 3,0 und 4,0/100.000 Einwohner. In den vergangenen 10 Jahren ist bei Männern eine leichte Zunahme und bei Frauen eine geringfügige Abnahme der Neuerkrankungsrate zu verzeichnen [Ries LAG 2006].

Die aktuelle Schätzung für Deutschland geht ebenfalls von einer nahezu unveränderten Erkrankungsrate für Leukämien bei Erwachsenen in den vergangenen 10 Jahren aus [Bertz J 2006].

Die Inzidenz der kindlichen AML hat sich in Deutschland seit 1980 ebenfalls nicht verändert [Kaatsch P 2004].

3.1.2 Mortalität und Überleben

Aktueller Stand

Die aktuelle Mortalität der AML beträgt nach den Daten der SEER 2,7/100.000 [Ries LAG 2006].

Sie ist bei Männern im Vergleich zu Frauen (3,5 vs. 2,2) und bei weißer Hautfarbe im Vergleich zu schwarzer (2,8 vs. 2,2) höher, was der höheren Inzidenz bei Männern und in der weißen Bevölkerung geschuldet sein dürfte [Ries LAG 2006]. Die Mortalität der Leukämien zeigt naturgemäß auch eine deutliche Abhängigkeit vom Alter und steigt von Werten um 1/100.000 bei unter 45-Jährigen auf bis zu 67/100.000 bei über 75-Jährigen an [Bertz J 2006].

Bezüglich der Prognose liegt die aktuelle 5-Jahres-Überlebensrate für alle registrierten AML-Patienten in den USA bei 21% [Ries LAG 2006]. Es finden sich keine gravierenden Unterschiede bezüglich des Geschlechtes und der Hautfarbe [Ries LAG 2006]. Das Alter hingegen beeinflusst die Überlebensraten entscheidend. Diese nehmen mit höherem Alter kontinuierlich ab. Im Bereich der kindlichen AML leben nach 5 Jahren noch 51% der Patienten [Gatta G 2005], von den 15- bis 24-Jährigen 39% [Gatta G 2003], von den 45- bis 54-Jährigen 26% und von den über 75-Jährigen nur noch 2% [Ries LAG 2006]. Im europäischen Vergleich finden sich die besten Überlebensraten in Nord- und Westeuropa, die schlechtesten in den osteuropäischen Ländern. Die Ursachen hierfür sind sicherlich im Einfluss von sozioökonomischen Faktoren zu sehen [Carli PM 1998].

Trends

Während die Neuerkrankungsrate innerhalb der vergangenen 10 Jahre nahezu unverändert blieb, nahm die Mortalität der AML um 2,3% signifikant zu [Ries LAG 2006]. Eine Ursache hierfür könnte in einer konsequenteren Meldung und Registrierung von älteren Patienten mit AML in den letzten Jahren bestehen.

Demgegenüber verbessern sich die Überlebensraten bei der AML über die Jahrzehnte. Dieser Trend ist sowohl in Europa als auch in den USA zu beobachten [Carli PM 1998] [Ries LAG 2006]. Mitte der 1970er Jahre betrug die 5-Jahres-Überlebensrate aller AML-Patienten lediglich 6%, Mitte der 1980er schon 12% und Mitte der 1990er Jahre 18%. Für die kindliche AML ist sogar ein Anstieg der Überlebensraten um 16% zwischen 1983 und 1994 zu verzeichnen [Cavdar AO 1989]. Verbesserte diagnostische Möglichkeiten und therapeutische Konzepte einschließlich der Einführung der allogenen Knochenmark- bzw. Stammzelltransplantation, aber auch verbesserte supportive Therapiemaßnahmen könnten den Hintergrund für diese Entwicklung darstellen. Dieser positive Trend hat sich jedoch in den vergangenen 10 Jahren deutlich verlangsamt.

Bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag" (Publikation als Buch)
Deutscher Ärzte-Verlag  Deutscher Ärzte-Verlag
und in Kooperation mit "Studien-Allianz Leukämie"
Deutscher Ärzte-Verlag  Studien-Allianz Leukämien
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