Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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17 Fatigue - Prophylaxe und Therapie: Definition, Konzept und Problembeschreibung

Autor/en: H.-H. Flechtner, M. Köhler, J. U. Rüffer
Letzte Änderung: 04.04.2013

Einleitung

Allen mit Tumorerkrankungen befassten Ärzten geläufig, ist Fatigue heute eines der häufigsten und zugleich eines der am wenigsten differenziert erfassten Symptome von Tumorpatienten. Die verfügbaren Zahlen schwanken, aber in der Literatur wird Fatigue mit einer Prävalenz von bis zu 75% oft als "wichtigstes" Symptom bei onkologischen Erkrankungen angeführt [Ahlberg K 2003].

Eine Literaturrecherche in Pubmed mit den beiden Begriffen "Krebs" und "Fatigue" (Neoplasms & Fatigue) ergibt eine deutliche Zunahme der "wissenschaftlichen Repräsentanz" der Thematik von weniger als 10 Veröffentlichungen in den Jahren vor 1980 bis weit über 500 im Jahr 2011. Seit Beginn der 1980er Jahre entspricht dies einer etwa durchschnittlichen Verdopplung der Anzahl der Arbeiten alle 5,5 Jahre.

Definition

Im englisch- oder französischsprachigen Kontext bedeutet das Wort "Fatigue" Ermüdung, Müdigkeit bis hin zu Erschöpfung und völliger Abgeschlagenheit. Von zentraler Bedeutung ist, dass es sich nicht um ein physiologisches Phänomen im weitesten Sinne handelt, sondern um ein pathologisch-anormales. Für Fatigue bei Normalpersonen sind die normale Ermüdbarkeit von Strukturen sowie die Erholbarkeit dieser Ermüdung nach Belastung zu beschreiben und in ihrem Ausmaß zu definieren. Es ist gut belegbar, dass hierbei das Alter eine Hauptvariable für die Ermüdbarkeit beziehungsweise die Erholung von Strukturen darstellt. Alterungsprozesse bedeuten in der Regel eine größere Ermüdbarkeit sowie eine verlängerte Erholungsphase. Diese Prozesse sind bei der Konzeptualisierung des Begriffs "Fatigue" für den Kontext des Gesunden zu berücksichtigen. Befunde aus empirischen Untersuchungen zeigen deutlich die Altersabhängigkeit von Fatigue; hiervon unbenommen bleibt die durchaus uneindeutig zu bewertende Dimensionalisierung von Fatigue, die für manche Bereiche (wie den physischen) eine sehr klare und für andere Bereiche (wie den mentalen) eine schwächere Altersabhängigkeit aufweist [Schwarz R 2003].

Verknüpft man in einem zweiten Schritt Fatigue mit pathologischen Prozessen, so zeigen sich eine quantitativ und qualitativ stärkere Ermüdbarkeit sowie die entsprechende Verlängerung der Erholungsphasen, bedingt durch krankhafte, (nicht wie beim Alter naturgemäße) Veränderungen der belasteten Strukturen. Im Sinne eines allgemeinen Krankheitsverständnisses ist davon auszugehen, dass ohne spezifische Annahmen, wie z.B. bei Krebserkrankungen, eine Fatigue-relevante Allgemeinerkrankung insgesamt eine über das normale Maß hinausgehende Schwächung des Organismus sowie eine verlängerte Erholungszeit mit sich bringt. Solche Effekte müssen sich in entsprechenden Untersuchungen von Krankheitspopulationen im Vergleich zu Normalpersonen zeigen lassen und Fatigue als krankheitsabhängige Variable kenntlich machen.

Weiterhin abzugrenzen sind spezifische Erkrankungen wie Krebserkrankungen. Verschiedenste Befunde sprechen dafür, dass die Veränderungen von Organsystemen wie Immunabwehr, Strukturen des Zentralnervensystems etc. bei einer Erkrankungsgruppe wie den Tumorerkrankungen nicht unspezifisch, sondern durchaus spezifisch sind, sodass Fatigue in einem charakteristischen Muster und in spezifischer Ausprägung entsteht. Obwohl die Befundlage noch zu wenig eindeutig erscheint, lassen sich bereits jetzt klare Unterschiede zwischen verschiedenen Tumorerkrankungen ausmachen. Im angloamerikanischen Sprachraum hat sich der Begriff der Cancer related fatigue (CRF) für das Syndrom der krebsbezogenen Fatigue eingebürgert. Das National Comprehensive Cancer Network (NCCN) definiert diese Form der Fatigue als "anhaltende und subjektive Empfindung von Erschöpfung in Zusammenhang mit der Krebserkrankung und/oder deren Behandlung, die das übliche Funktionsniveau im Alltag beeinträchtigt" [Watson T 2004]. Im Gegensatz zur normalen Erschöpfung, die sich im Alltag durch Ruhe, ausreichende Ernährung und Schlaf zurückbildet, persistiert die krebsbezogene Fatigue. Sie ist stärker ausgeprägt und verliert sich nicht durch Ruhe und einen adäquaten Nachtschlaf.

Grob lässt sich eine Einteilung in Symptom, Syndrom, Erkrankung und Folgewirkung sowie in eine subjektive und eine objektive Dimension vornehmen (s. Tab. 17.1). Auf einer Symptom- beziehungsweise Syndromebene lässt sich Fatigue bestimmten bekannten Erkrankungen wie z.B. der Depression oder auch den Krebserkrankungen zuordnen. Als eigenständige Erkrankung wird der Begriff Fatigue für das in vielen Punkten noch unzureichend aufgeklärte Chronic fatigue syndrome (CFS) verwendet. Als spezifische Nebenwirkung kann Fatigue bestimmten Therapieinterventionen, wie z.B. der Chemo-/Radiotherapie, zugeordnet werden.

Tab. 17.1: Fatigue im medizinischen Kontext

Ausprägungsmöglichkeiten

  • Symptom (z.B. bei Depression)
  • Syndrom (z.B. nach Krebserkrankung)
  • Erkrankung (z.B. Chronic fatigue syndrome)
  • Folgewirkung: Nebenwirkung (z.B. nach Chemo-/ Radiotherapie), Spätfolge (z.B. nach Thoraxbestrahlung)

Dimensionen

  • Subjektive Dimension, multidimensional: physisch, affektiv, kognitiv etc.
  • Objektive Dimension: Funktionsparameter der Organsysteme (Herz-Kreislauf-, Immun-, hämatopoetisches System, ZNS etc.)

 

Ursachen

Als spezifische Nebenwirkung kann Fatigue bestimmten Therapieinterventionen, wie z.B. der Chemo-/Radiotherapie, zugeordnet werden.

Spezifische Ursachen für die Entwicklung tumorbedingter Fatigue sind bislang nicht bekannt, obwohl angenommen werden muss, dass eine Reihe physiologischer und auch psychischer beziehungsweise psychosozialer Faktoren hierbei eine Rolle spielen. Als mögliche Faktoren sind bekannt: Anämie, onkologische Behandlungsverfahren (vordringlich Chemotherapie und Radiotherapie), Kachexie, Tumorlast und Tumorausbreitung sowie Zytokin-bedingte Effekte [Flechtner H 2003].

Die verschiedenen Zytokine wie Interleukine, Tumornekrosefaktor und ähnliche Substanzen spielen sowohl im Rahmen des genuinen Krebsgeschehens als auch bei entsprechenden Behandlungsansätzen eine wichtige Rolle. Inwieweit eine verstärkte Freisetzung von Zytokinen als Teil der Entzündungsreaktion bei der Krebserkrankung und der Behandlung eine Rolle für die Entwicklung von Fatigue spielt, ist bisher nicht bekannt [Bower J 2011a] [Orre IJ 2011].

Die Anämie ist sicherlich die bedeutsamste Einzelursache tumorbedingter Fatigue, obwohl auch ein nicht unerheblicher Prozentsatz von Patienten ohne Anämie über alltagsbeeinträchtigende Fatigue klagt. Behandlungsbezogene Effekte durch Radiotherapie und Chemotherapie spielen ebenfalls eine große Rolle, auch die BRM-Substanzen (Biological Response Modifier) wie Interferon können für die Entwicklung von Fatigue verantwortlich sein [Patrick DL 2003].

Häufigkeit

Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrzahl der Patienten (70-100%) während der Standardtherapieverfahren unter Fatigue leidet. Differenzierte Aussagen zu Chemotherapie- beziehungsweise Strahlentherapieregimen bezogen auf einzelne Tumorentitäten liegen allerdings noch kaum vor [Weis J 2011]. Nach neueren Studien spielt die Tumorausdehnung, also das Tumorstadium und das Ausmaß des Lymphknotenbefalls, keine spezifische Rolle für das Auftreten von Fatigue. Allerdings konnten Zusammenhänge zwischen der Art des Tumors und tumorbedingter Fatigue nachgewiesen werden. Demnach geben Lungenkrebspatienten häufiger an, unter Fatigue zu leiden als Patienten mit anderen Tumorentitäten, wie beispielsweise Patienten mit Hodgkin-Lymphom [Prue G 2006]. Aus dem psychischen Bereich ist die Überschneidung mit den ängstlich-depressiven Syndromen bekannt, da bei Tumorerkrankungen oft erhöhte Angst- und Depressionswerte bestehen [Bower J 2011a]. Ebenso zeigen sich Verknüpfungen zu tumorbedingten Schmerzsyndromen.


Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation u. Sozialmedizin d. Deutschen Krebsgesellschaft e.V. [Mehr]
Nach wie vor online verfügbar: die noch nicht aktualisierten Kapitel des Buches "Supportiv- therapie bei malignen Erkrank- ungen", bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag", 2006. [Mehr]
Aktuelle Berichte vom 58th
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2016 ASCO Annual Meeting - aktuelle Berichte. Dieser Service wird gefördert durch:
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