Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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17 Fatigue - Prophylaxe und Therapie: "Früh-Fatigue" und "Spät-Fatigue", spezielle Aspekte in der Onkologie

Autor/en: H.-H. Flechtner, M. Köhler, J. U. Rüffer
Letzte Änderung: 04.04.2013

Bei der krebsbezogenen Fatigue müssen zwei Bereiche unterschieden werden, für die wir die Begriffe "Früh-Fatigue" und "Spät-Fatigue" vorschlagen.

Unter Früh-Fatigue sollen die tumor- sowie therapieassoziierte Fatigue im Rahmen der Ersterkrankung (beziehungsweise eines Rezidivs oder eines Progresses) und deren Behandlung verstanden werden. Hierunter fallen auch Zustände von Fatigue, die mit körperlich begründbaren Ursachen einhergehen, wie z.B. einer Anämie oder bestimmten Nebenwirkungen.

Abzugrenzen hiervon ist die sogenannte Spät-Fatigue bei Patienten mit erfolgreich abgeschlossener Therapie, die als tumorfrei gelten und bei denen der Abstand zu den aktiven therapeutischen Maßnahmen mindestens ein halbes Jahr beträgt.

In den Bereich der Früh-Fatigue fallen neben den feststellbaren Ursachen von Fatigue im Rahmen der Krebserkrankung und -behandlung natürlich auch die krebsbezogenen depressiven Syndrome, die mit einer deutlich herabgesetzten Stimmungslage, Antriebslosigkeit und ähnlichen Symptomen einhergehen und die oft schwer von einem tumorbezogenen Fatigue-Syndrom zu unterscheiden sind. Inwieweit die Tumorerkrankung selbst und eine als nicht pathologisch zu wertende depressive Reaktion auf Diagnosemitteilung und Behandlung Wegbereiter für ein Fatigue-Syndrom sein können oder ob die Genese davon in der Regel unabhängig ist und zudem noch durch nicht genau zu identifizierende Faktoren gesteuert wird, muss an dieser Stelle offen bleiben [Reuter K 2000]. Bis heute ist nicht geklärt, ob Faktoren, die für Früh-Fatigue infrage kommen, auch diejenigen sind, die für die Entwicklung eines späten Fatigue-Syndroms verantwortlich sind. Die Fatigue-Thematik bei Patienten nach Heilung ist relativ neu. Dies ist vor allen Dingen dadurch bedingt, dass erst durch die Erfolge der letzten Jahre bei einigen Tumoren (z.B. Lymphome, Leukämien, Hodentumoren etc.) größere Zahlen von Patienten wirklich Jahre und Jahrzehnte überleben. Mit einer steigenden Zahl von langzeitüberlebenden Patienten (zumindest bei einigen Tumorarten) werden nun die "Kosten" deutlich, welche Einzelne für die Heilung zu bezahlen haben. Erste Untersuchungen zu Fatigue bei geheilten Patienten mit M. Hodgkin und Hodentumoren konnten zeigen, dass erhebliche Langzeitbeeinträchtigungen entstehen können [Flechtner H 2011] [Rüffer J 2003] [Heutte N 2009].

Im Unterschied zur Lebensqualität, die in stärkerem Maße die direkte subjektive Befindlichkeit reflektiert, ist bei Fatigue aber noch weitgehend unklar, inwiefern es sich hier um Auswirkungen von Organbeeinträchtigungen nach Chemotherapie und/oder Radiotherapie handelt und wie und in welchem Umfang Phänomene wie Depressivität und andere psychische Faktoren eine entscheidende Rolle spielen.

Spät-Fatigue

Gerade bei sehr intensiven Therapieverfahren wie Hochdosistherapien und Knochenmarktransplantationen bleiben bislang Ausprägungsgrade, Verlauf und Bedingungsfaktoren für die Entwicklung ausgeprägter Spät-Fatigue unklar und bedürfen der Aufklärung durch prospektive Untersuchungen [Sherman A 2009]. Eindeutig scheint nur, dass besonders in diesen Gebieten Spät-Fatigue als viele - wenn nicht fast alle - Bereiche des Lebens betreffendes Phänomen (Arbeit, Sozialkontakte, Freizeit, Familienleben, Sexualität etc.) eine sehr viel größere Rolle spielt als üblicherweise angenommen.

Erste Daten aus größeren Longitudinalstudien zeigen aber auch, dass die Entwicklung von Spät-Fatigue nicht alle Erkrankungen gleichermaßen betrifft, sondern dass bestimmte Tumorentitäten offensichtlich stärker mit der Entwicklung von Fatigue in Zusammenhang stehen als andere. So konnte z.B. bei Überlebenden nach einer kindlichen Krebserkrankung bislang keine verstärkte Fatigue festgestellt werden [Langeveld N 2003].
Ob und inwieweit dies mit den Therapiemaßnahmen wie Chemotherapieregimen oder der Ausdehnung von Bestrahlungsfeldern zusammenhängt, ist zum heutigen Zeitpunkt noch unklar. Bei geheilten Patienten mit M. Hodgkin zeigten sich 3-5 Jahre nach Ende der Behandlung deutlich erhöhte Fatigue-Werte. Die Ausdehnung pulmonaler Bestrahlungsfelder scheint im Rahmen einer beeinträchtigten Vitalkapazität eine Rolle zu spielen, darüber hinaus sind jedoch weitere medizinisch-biologische oder andere Faktoren nicht bekannt [Loge J 1999]. Demgegenüber ist bei Patienten mit Hodentumoren sowie mit bestimmten Formen von Brustkrebs nicht im selben Maße Spät-Fatigue aufgetreten wie bei Patienten mit M. Hodgkin.

Untersuchungen hierzu sind äußerst schwierig, da langfristige Beobachtungen notwendig sind und größere Kollektive strukturiert mit den entsprechenden Instrumenten über Jahre hinaus verfolgt werden müssen. Beobachtungszeiten von 1-3 Jahren sind zur Klärung dieser Frage nicht hinreichend. Aus den Studien der deutschen Hodgkin-Studiengruppe (DHSG) sowie der EORTC Lymphoma Group gibt es aktuell erste Hinweise darauf, dass spezifische Patientenuntergruppen existieren, die 10 Jahre nach Ende der Therapie von dem üblichen Erwartungsmuster der Re-Integration nach Heilung abweichen. Falls sich diese ersten Daten bestätigen, würde es sich um eine Gruppe von Patienten handeln, die nach zunächst erfolgter Erholung 2-3 Jahre nach Ende der Therapie erneut eine deutliche Verschlechterung in verschiedenen Lebensqualitätsdimensionen und insbesondere bei den Fatigue-Werten aufweist. Diese Gruppe, die eine Größenordnung von bis zu 30-40% aller behandelten Patienten umfasst, hat große Schwierigkeiten, wieder einen funktionierenden Alltag aufzubauen, Arbeits- und Berufstätigkeit aufzunehmen und im Familienleben adäquat zu funktionieren. Bei diesen Patienten muss auf längere Sicht mit gravierenden Folgewirkungen gerechnet werden [Heutte N 2009].


Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation u. Sozialmedizin d. Deutschen Krebsgesellschaft e.V. [Mehr]
Nach wie vor online verfügbar: die noch nicht aktualisierten Kapitel des Buches "Supportiv- therapie bei malignen Erkrank- ungen", bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag", 2006. [Mehr]
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