Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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21 Physiotherapie, körperliche Aktivität und Sport bei onkologischen Erkrankungen: Einführung

Autor/en: F.C. Dimeo, H.H. Bartsch
Letzte Änderung: 25.01.2006

Unter dem Begriff "Physiotherapie" werden heute die verschiedenen Formen körperbezogener Therapien zusammengefasst, die früher als "Krankengymnastik", "physikalische Therapie", "manuelle Therapie", "Massage" etc. voneinander abgegrenzt waren. Inzwischen konnten nicht nur diese verschiedenen Bereiche inhaltlich zusammengeführt werden, auch die unterschiedlichen Berufsausbildungen wurden durch Etablierung der "Physiotherapeuten" konzentriert. Damit bietet die Physiotherapie heute ein breites Spektrum an funktionellen Behandlungen an, deren Schwerpunkt auf dem Abbau körperlicher Funktionsdefizite liegt sowie auf der Verbesserung von Kraft, Ausdauer und Koordination, die ebenso aber auch präventive Elemente beinhalten. Bezogen auf onkologische Patienten sind dabei mehrere Aspekte relevant:

  • Diese Patienten gehören mehrheitlich einer höheren Altersgruppe an, bei der nicht selten Multimorbidität vorliegt.
  • Die Tumortherapien führen zu neuen Funktionsdefiziten bzw. addieren weitere zu bereits vorhandenen Problemen.
  • Körperliche Symptome werden durch die psychische Belastung der Patienten z.T. gravierend verstärkt.

Damit kommt der Physiotherapie bei onkologischen Patienten eine vielfältige Aufgabe zu. Ihr Ziel besteht einerseits in der Reduktion/Beseitigung direkter Behandlungsfolgen, wie Ödemen, Bewegungseinschränkungen und Verringerung der Muskelkraft; andererseits nimmt sie aber auch durch einen ganzheitlichen Ansatz über Detonisierung von Muskelverspannungen und Verstärkung der physiologischen Körperwahrnehmung einen positiven Einfluss auf das psychosomatische Gleichgewicht. In diesem Zusammenhang haben gerade physikalische Therapien wie klassische oder Akupunktmassagen, Unterwasserdruckmassagen, Wärme- und in speziellen Situationen auch Kälteanwendungen weiterhin ihren festen Stellenwert.
Das Spektrum physiotherapeutischer Therapieansätze hat sich in den vergangenen Jahren jedoch erheblich erweitert, indem wesentliche Einflüsse auch aus anderen Medizinsystemen, besonders aus fernöstlichen Ländern, Berücksichtigung gefunden haben. Auch wenn viele dieser Therapieformen, wie z.B. Akupressur, kraniosakrale Therapie, Qigong, Tai-Chi und viele andere, bei den Patienten auf große Akzeptanz stoßen und subjektive Befindensverbesserungen bewirken, ist deren objektiver Nutzen nur selten durch bei uns etablierte wissenschaftliche Untersuchungen belegt.

Der langfristige Nutzen physiotherapeutischer Interventionen kann nur dann eintreten, wenn diese durch konsequentes aktives körperliches Training ergänzt werden.

Regelmäßige körperliche Aktivität ist zunächst einmal eine etablierte Maßnahme für die Prävention von Zivilisationskrankheiten. Seit der Einführung von Sportprogrammen für Herzinfarktpatienten in den 1960er Jahren haben zahlreiche Untersuchungen den Wert dieser Intervention in der sekundären Prävention und Behandlung chronischer Krankheiten belegt. Trotz dieser Erfahrungen sind die ersten Studien über die Effekte von körperlicher Aktivität bei Tumorpatienten erst vor kurzer Zeit durchgeführt worden. Diese Verzögerung ist teilweise auf die Komplexität des Forschungsfeldes zurückzuführen: Gleich wie der Begriff "Krebs" eine Gruppe von Krankheiten mit verschiedenen Entstehungsmechanismen, Verläufen und Prognosen zusammenfasst, beschreiben die Begriffe "Sport" und "körperliche Aktivität" sehr unterschiedliche Tätigkeiten.

Trotz der methodologischen Schwierigkeiten haben mehrere Arbeitsgruppen die Effekte von körperlicher Aktivität auf das Krebsrisiko sowie den Nutzen von Ausdauer- und Krafttrainingsprogrammen als begleitende Maßnahme bei Patienten mit Tumorerkrankungen untersucht. Epidemiologische Studien haben einen Zusammenhang zwischen vermehrter körperlicher Aktivität und einer geringeren Inzidenz von Kolonkarzinomen, Prostatakarzinomen und Mammakarzinomen bei postmenopausalen Frauen belegt. Jedoch war die Ausprägung dieses protektiven Effekts bei den verschiedenen Untersuchungen sehr unterschiedlich, sodass die klinische Relevanz dieses Phänomens nicht klar ist.

Eine ähnliche Situation ergibt sich bezüglich der Effekte regelmäßiger körperlicher Aktivität auf die Immunfunktion: Je nach Dauer und Intensität können körperliche Belastungen eine Aktivierung bzw. eine Inhibition mehrerer Komponenten des Immunsystems verursachen. Diese Veränderungen sind jedoch meist kurzfristig, und ihre Auswirkung auf das Tumorwachstum ist nicht bekannt. In Tiermodellen waren die Ergebnisse von Untersuchungen über die Effekte körperlicher Aktivität auf die Entwicklung von Tumoren widersprüchlich. Aus diesem Grund bleibt die Rolle körperlicher Aktivität als adjuvante Therapie bei Patienten mit neoplastischen Erkrankungen nur theoretisch.

Besser bekannt ist die Rolle der körperlichen Aktivität als supportive Therapie während und nach der onkologischen Behandlung. Die positiven Effekte von Ausdauer- und Krafttrainingsprogrammen in dieser Situation sind mehrfach belegt. Bei Patienten, die eine Chemo- oder Strahlentherapie erhalten, führt Ausdauertraining zu einer Reduktion der Beschwerden (Übelkeit, Schmerz, Fatigue, Gewichtszunahme bei Mammakarzinompatientinnen unter Chemotherapie). Diese Anwendung sowie ein Krafttraining können damit genutzt werden, um Allgemein- und psychischen Zustand der Patienten vor und nach der Therapie zu verbessern.

Aufgrund der Grundkrankheit und der Therapie ergeben sich bei Patienten mit neoplastischen Erkrankungen spezielle Situationen sowie spezifische absolute und relative Kontraindikationen für ein körperliches Training. Deswegen stellt die Gestaltung eines Trainingsprogramms für diese Patientengruppe den Therapeuten vor einer Herausforderung. Um die Effekte dieser Anwendung zu optimieren und die Risiken zu minimieren, ist eine enge Zusammenarbeit zwischen Onkologen/Hämatologen, Sportmedizinern, Physiotherapeuten und Übungsleitern notwendig.

Ob körperliche Aktivität die Prognose verbessern oder die Lebensdauer der Patienten mit neoplastischen Erkrankungen verlängern kann, ist nicht bekannt. Diese Intervention kann jedoch zu einer Zunahme der Leistungsfähigkeit und zu einer Reduktion des psychischen Stresses und damit zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität führen. Aus diesem Grund sollten regelmäßige körperliche Aktivität und Sport eine feste Rolle als unterstützende Maßnahme während der onkologischen Behandlung einnehmen.

Literaturreferenzen:

  • Dimeo FC.
    Ausdauertraining als Behandlung der "Cancer Fatigue".
    In: Weis J, Bartsch HH (Hrsg).
    Fatigue bei Tumorpatienten. Eine neue Herausforderung für Therapie und Rehabilitation.
    Freiburg: Karger 2000; 96-102.


  • Dimeo FC.
    Effects of exercise on cancer-related fatigue.
    Cancer 2001;92:1689-1693. PM:11598888
    [Medline]


Bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag"
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