16 Gonadotoxizität nach medikamentöser Therapie und Radiatio: Grundlagen der Eierstock- und Hodenfunktion

Autor/en: R. Dittrich, C. Bokemeyer, C. Kollmannsberger, L. Lotz, M.W. Beckmann
Letzte Änderung: 29.03.2013

Bei der Frau liegt die höchste Anzahl an Eizellen im Ovar (ungefähr 6,8x 106) im 5. Monat nach Gestation vor. Danach kommt es zu keiner weiteren Proliferation der Keimzellen, son­dern zu einer stetigen Atresie. Zum Zeitpunkt der Geburt liegen noch etwa 1 Mio. Eizellen vor, zum Zeitpunkt der Menarche nur noch etwa 300.000.

Mit Beginn der Geschlechtsreife entwickeln sich aus zahlreichen Primordialfollikeln Primär- und Sekundärfollikel. Das in den Granulosazellen zunehmend gebildete Anti-Müller-Hormon (AMH) verhindert die Rekrutierung einer zu großen Anzahl von Primordialfollikeln. Unter dem Einfluss von Follikel-stimulierendem Hormon (FSH) entwickeln sich zyklisch aus dem Pool präantraler Sekundärfollikel sonographisch sichtbare antrale Tertiärfollikel. Die gesamte Follikulogenese vom Primordial- zum Tertiärfollikel nimmt circa 3-6 Monate in Anspruch. Die Rekrutierung mehrerer sprungreifer Tertiärfollikel wird durch die Sekretion von Inhibin aus Granulosazellen verhindert. So entwickeln sich nur in etwa 300-500 Follikeln reife Eizellen, alle anderen werden atretisch.

Ab dem 37. Lebensjahr beginnt eine rasante Atresie der noch verbliebenen Follikel, FSH-Werte steigen an, und sollte dennoch eine Schwangerschaft entstehen, kommt es häufiger zu Aborten. Nach der Menopause, in den entwickelten Ländern im Durchschnitt in einem Alter von 51 Jahren, verbleiben nur noch bis zu 1000 Eizellen im Ovar (Tab. 1). Bei einer heutigen Lebenserwartung von Frauen in entwickelten Ländern von deutlich über 80 Jahren bedeutet dies, dass nach bereits der Hälfte der Lebenserwartung die ovarielle Follikelreserve durch natürliche Alterungsprozesse stark vermindert ist. Faktoren, die den Alterungsprozess generell beschleunigen, z. B. Rauchen und Alkoholkonsum, beschleunigen auch die Alterungsprozesse im Ovar [Dittrich R 2008a]. Im Zusammenhang mit einer gonadotoxischen Therapie bedeutet dies, dass zerstörte Follikel nicht mehr erneuert werden und je nach Ausmaß des Schadens zu einer vorzeitigen Ovarialinsuffizienz führen.

Tab. 1: Veränderung der Oozytenzahl im Laufe des Lebens der Frau - modifiziert nach [Maltaris T 2010]

Oozyten

Zeitpunkt

7 Mio.

7. Fetalmonat (noch in utero)

1-2 Mio.

Geburt

400.000

14. Lebensjahr

? (individuell verschieden)

35. Lebensjahr

0-1000

Menopause (>50 Lebensjahr)

Bei Männern ist die Situation anders. Die Hoden bestehen aus dem Germinalepithelium, das in die Tubuli und die interstitielle Region mit den hormonprodu­zierenden Leydig-Zellen unterteilt ist. Im Germinalepithel befinden sich die Keim­zellen in den verschiedenen Reifungsstufen und die Sertoli-Zellen, die die Keimzelldifferenzierung regulieren. Im Mann existieren die Keimzellen vom Zeitpunkt der Geburt an, differenzieren sich zu den haploiden Gameten jedoch erst ab der Pubertät.

Präpubertär kommt es zu einem ständigen Aufbau früher Keimzellen mit anschließender spontaner Degeneration, ein Zustand, in welchem der Hoden sehr empfindlich ist gegenüber schädlichen Einflüssen (z. B. Chemotherapie). In den reifen Testes kommt es, anders als im Eierstock, zu einer ständigen Erneuerung der Keimzellen. Zwar verringert sich diese Er­neuerungskapazität im Laufe des Lebens, kommt jedoch bis zum Tode - bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung des Mannes in der westlichen Welt von ungefähr 75 Jahren - meist nicht vollständig zum Erliegen [Maltaris T 2010].