Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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16 Gonadotoxizität nach medikamentöser Therapie und Radiatio: Gonadotoxizität durch Radiotherapie

Autor/en: R. Dittrich, C. Bokemeyer, C. Kollmannsberger, L. Lotz, M.W. Beckmann
Letzte Änderung: 29.03.2013

Eine direkte Exposition der Gonaden bei pelviner oder abdominaler Radiatio sowie eine indirekte Schädigung durch Streustrahlung können ein Ovarialversagen und eine permanente Infertilität induzieren. Die menschliche Eizelle ist extrem empfindlich gegenüber Bestrahlung. Das Ausmaß der Schädigung ist dabei stark abhängig vom Alter zum Zeitpunkt der ovariellen Exposition, Dosis und Typ der Bestrahlung sowie deren Fraktionierung (Tab. 4). Eine Radiatio mit 2 Gy führt zu einem Verlust von ca. 50% der Primordialfollikel. Bei einer Radiatio von 8 Gy am Ovar tritt mit einer fast 100%igen Sicherheit ein prämatures Ovarialversagen ein [Wallace WHB 2003]. Bei Kindern vertragen die Ovarien eine höhere Strahlendosis, bis es zu einem vollständigen Verlust der Gonadenfunktion kommt. Eine Ganzkörperbestrahlung vor einer Stammzelltransplantation führt bei 90 Prozent der Patientinnen zu einer Gonadenfunktionsstörung.

Eine Radiatio greift darüber hinaus auch das uterine Gewebe an. Durch die Bestrahlung des Beckens reduziert sich insbesondere bei präpubertären Mädchen das Uterusvolumen und es kann zu einem dauerhaften Schaden am Endometrium kommen. Dies sollte für die Möglichkeit einer späteren Schwangerschaft bedacht werden, da Frauen mit bestrahltem Uterus ein erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, fetale Wachstumsretardierung und Frühgeburtlichkeit aufweisen. Als Ursache werden eine reduzierte Elastizität des Uterus aufgrund einer strahleninduzierten Fibrose und eine uterine Gefäßschädigung angesehen [Critchley HOD 2005].

Tab. 4: Radiotoxizität und Ovarialinsuffizienz [Demewood MD 1986]

Risiko einer Sterilität

Ovarielle Strahlendosis in Gy (Alter der Patientin)

kein Effekt

0,6

gewisses Risiko

1,5

60%

2,5-5 (15-40 Jahre.)

70%

5-8 (15-40 Jahre.)

100%

>8 (15-40 Jahre.)

100%

2,5-5 (>40 Jahre.)

Die Gonaden des Mannes gelten aufgrund der hohen mitotischen Aktivität der Spermatogonien ebenfalls als äußerst strahlensensibel. Neben der Schädigung der Spermatogonien kann es auch zu einer Schädigung der Spermienstammzellen kommen, was letztlich zu einer lang anhaltenden oder irreversiblen Funktionsunfähigkeit des Keimepithels führt. Bei einer Strahlungsintensität von 1 Gy wird in der Regel eine Repopulation nach 9-18 Monaten beobachtet, während eine Dosis von 10 Gy erst nach mehr als 4 Jahren zur Wiederherstellung der Spermatogenese führt (Abb. 1). Eine Ganzkörperbestrahlung zur Vorbereitung einer Knochenmarkstransplantation führt bei über 80% aller Patienten zu dauerhafter Infertilität [Schlatt S 2012]. Alle Männer mit Beckenbestrahlung hatten in einer Studie von Rendtorff et al. eine Störung der Spermatogenese [Rendtorff R 2010]. Die Verabreichung einer einmaligen Strahlendosis hat im Allgemeinen weniger schädigende Effekte als eine fraktionierte Exposition. Eine zusätzliche Chemotherapie hat bei der Frau wie auch beim Mann einen zumindest additiven Effekt bei der Induktion von Fertilitätsstörungen.

Da die Hormonproduktion deutlich weniger strahlenempfindlich ist, ist die Sexualfunktion im Gegensatz zur Befruchtungsfähigkeit üblicherweise unbeeinträchtigt. Erst bei einer direkten Hodenbestrahlung mit mindestens 20 Gy tritt eine Beeinträchtigung der Leydig-Zell-Funktion auf und kann zu einem konsekutiven Testosteronmangel und klinischem Hypogonadismus führen [Bockemeyer C 2006].

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Abb. 1


Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation u. Sozialmedizin d. Deutschen Krebsgesellschaft e.V. [Mehr]
Nach wie vor online verfügbar: die noch nicht aktualisierten Kapitel des Buches "Supportiv- therapie bei malignen Erkrank- ungen", bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag", 2006. [Mehr]
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