Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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16 Gonadotoxizität nach medikamentöser Therapie und Radiatio: Empfehlungen zur Beratung von Patienten

Autor/en: R. Dittrich, C. Bokemeyer, C. Kollmannsberger, L. Lotz, M.W. Beckmann
Letzte Änderung: 29.03.2013

Die Überlebensrate von Krebspatientinnen und -patienten nimmt erfreulicherweise stetig zu. Die behandelnden Ärzte werden daher in zunehmendem Maße auch mit den Langzeitfolgen der Chemotherapie und Bestrahlung für die Fertilität von jungen Patienten konfrontiert. Keine Kinder mehr bekommen oder zeugen zu können, ist für die Betroffenen wie für ihre Partner und häufig auch für ihre Angehörigen eine sehr belastende Situation. Eine therapierefraktäre Infertilität wird von Frauen als ähnlich belastend wie die maligne Erkrankung selbst empfunden. 76% der betroffenen Frauen und Männer wünschen sich später ein Kind [Schover LR 2005]. Des weiteren kann neben einem Fertilitätsverlust die Einschränkung von Libido und sexueller Potenz gerade für junge Patienten ein erhebliches Problem darstellen.

Daher ist die prätherapeutische Beratung und langfristige Betreuung der jungen Patienten in Fragen der Fertilität ein wichtiger Aspekt der Versorgung von Tumorpatienten.

Heute steht bereits ein großes Spektrum von potenziell für den Fertilitätserhalt einsetzbaren Techniken zur Verfügung. Für Männer stellt die Kryokonservierung von Spermien nach wie vor den Goldstandard dar. Weiterhin bestehen durch Kombination der Kryokonservierung mit TESE; MESA beziehungsweise TESE/ICSI gute Chancen, einen Kinderwunsch zu realisieren. Bei Frauen stehen die Transposition der Gonaden vor einer Radiotherapie, der medikamentöse Gonadenschutz durch GnRH-Analoga und die Kryokonservierung von Embryonen, Eizellen und Ovarialgewebe zur Verfügung. Obwohl die meisten dieser Methoden derzeit noch als experimentell zu betrachten sind, eröffnen sie auch betroffenen Frauen die generelle Möglichkeit, einen späteren Kinderwunsch tatsächlich zu verwirklichen.

Die Entscheidung, welche Methode des Fertilitätserhalts zur Anwendung kommt, ist stets das Ergebnis einer ausführlichen Beratung und eine individuelle Entscheidung. Die Grunderkrankung selbst, das Alter der Patienten und die onkologische Einschätzung spielen hierbei eine entscheidende Rolle. Eine enge Kooperation zwischen Reproduktionsmedizin und Onkologie ist in der Beratungssituation unerlässlich (Abb. 4).

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Abb. 4: Flussdiagramm zum allgemeinen Vorgehen bei Fertilitätserhaltung vor bzw. unter gonadotoxistherTherapie (nach [Lee SJ 2006])

Hilfestellung bei der Beratung und Durchführung von fertilitätserhaltenden Maßnahmen bieten vor allem spezialisierte Zentren, die im Netzwerk FertiPROTEKT zusammengeschlossen sind. Das weltweit einmalige Netzwerk FertiPROTEKT (www.fertiprotekt.de) wurde 2006 gegründet und wurde inzwischen auf den ganzen deutschsprachigen Raum ausgeweitet. Ziel des Netzwerks ist es, multizentrisch und interdisziplinär flächendeckend Strukturen zu implementieren, die eine systematische und klinisch sinnvolle Anwendung fertilitätsprotektiver Maßnahmen und die Bearbeitung klinischer und grundlagenwissenschaftlicher Fragestellungen erlauben [von Wolff 2012]. Eine frühzeitige Überweisung des Patienten an ein spezialisiertes Zentrum ist unbedingt zu bedenken.

Im Allgemeinen gilt es zu berücksichtigen [Beckmann MW 2006]:

  • Eine Beratung hinsichtlich fertilitätsprotektiver Maßnahmen sollte bei allen Patienten, die eine zytotoxische Therapie mit einer relevanten Wahrscheinlichkeit einer Gonadenschädigung erhalten, von in der Reproduktionsmedizin geschulten Ärzten in Abstimmung mit den behandelnden Onkologen erfolgen.
  • Krebs und Krebsbehandlung können in unterschiedlichem Ausmaß Sterilität und Infertilität auslösen. Individuelle Faktoren wie die Erkrankung selbst, das Alter, die Art der Behandlung, die Dosis der applizierten Medikamente bzw. Bestrahlung und die Vorbehandlung sollten in die Abschätzung hinsichtlich des gonadotoxischen Potentials eruiert werden.
  • Patientinnen, die an einer fertilitätserhaltenden Maßnahme interessiert sind, sollten so früh wie möglich an ein spezialisiertes Zentrum überwiesen werden und ihre Möglichkeiten wahrnehmen, um die Erfolgsrate zu verbessern.
  • In die Beratung müssen alle anwendbaren Methoden einfließen; alle Beratungen und Behandlungen einschließlich auftretender Komplikationen sollten dokumentiert werden.
  • Die Durchführung fertilitätsprotektiver Maßnahmen darf nicht die Effektivität der onkologischen Therapie reduzieren und darf zu keiner relevanten Gefährdung der Patienten führen.
  • Nach bisheriger Datenlage scheint keine der gängigen Methoden zur Erhaltung der Fertilität die Krebsbehandlung negativ zu beeinflussen. Die Überlebens- bzw. Rezidivraten sind nicht verändert, auch bei hormonempfindlichen Tumoren.
  • Das Risiko für eine spätere Krebserkrankung oder Missbildungen ist bei den Kindern von Krebspatienten nicht erhöht, außer bei bekannten vererbten Syndromen und einer Krebstherapie während der (Früh-)Schwangerschaft.
  • Sterilität, induziert durch eine Krebsbehandlung, kann mit psychosozialem Stress assoziiert sein. Eine frühzeitige Überweisung an eine fachkompetente Beratung kann helfen, diesen zu mindern.

Arbeitsgemeinschaft Supportive Maßnahmen in der Onkologie, Rehabilitation u. Sozialmedizin d. Deutschen Krebsgesellschaft e.V. [Mehr]
Nach wie vor online verfügbar: die noch nicht aktualisierten Kapitel des Buches "Supportiv- therapie bei malignen Erkrank- ungen", bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag", 2006. [Mehr]
Aktuelle Berichte vom 58th
ASH Annual Meeting 2016,
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2016 ASCO Annual Meeting - aktuelle Berichte. Dieser Service wird gefördert durch:
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