Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
SitemapSitemap  


Thalassämien und andere quantitative Störungen der Hämoglobinsynthese: Definition

Autor/en: M.R. Clemens, R. Mahlberg
Letzte Änderung: 09.12.2003
ICD-10-Verschlüsselung von Thalassämien und anderen quantitativen Störungen der Hämoglobinsynthese
D56 Thalassämie
D56.0 alpha-Thalassämie
D56.1 beta-Thalassämie
D56.2 delta/beta-Thalassämie
D56.3 Thalassämie-Erbanlage
D56.4 Hereditäre Persistenz fetalen Hämoglobins (HPFH)
D56.8 Sonstige Thalassämien
D56.9 Thalassämie, nicht näher bezeichnet

Das Blut von Patienten mit Thalassämien ist gekennzeichnet durch hypochrome, mikrozytäre Erythrozyten, die durch den angeborenen Mangel an einer oder mehreren Hämoglobinketten entstehen.

"Thalassämie-Syndrome"

Da sowohl strukturelle Hämoglobinvarianten als auch Thalassämien mit hoher Inzidenz in ähnlichen Populationen auftreten, kommen z.T. beide genetischen Defekte im gleichen Individuum vor. Die genetischen Varianten der Thalassämie und die Kombination mit Genen für anomale Hämoglobine führten zur Bezeichnung "Thalassämie-Syndrome".

Einteilung nach dem klinischen Schweregrad

Bevor die genetische Basis bekannt war, wurden Thalassämien nach ihrem klinischen Schweregrad eingeteilt. Bei Patienten mit ausgeprägten klinischen Manifestationen und schwerer Anämie wurde von einer Thalassaemia major gesprochen, bei nicht so schwerer Anämie ohne Transfusionsbedürftigkeit von einer Thalassaemia intermedia.

Nachdem der hereditäre Charakter der Thalassämie erkannt worden war und bei Eltern von Kindern mit Thalassaemia major eine leichte oder keine Anämie bei morphologisch auffälligen Erythrozyten festgestellt wurde, bezeichnete man die Krankheitszeichen heterozygoter Merkmalsträger als Thalassaemia minor.

Von einer Thalassaemia minima sprach man bei Individuen, die keinerlei klinische Zeichen einer Thalassämie aufwiesen, jedoch als Träger des Thalassämiegens identifiziert wurden.

Heute ist klar, dass sich hinter jedem dieser Krankheitsbilder ganz unterschiedliche genetische Störungen verbergen, die genau charakterisiert werden können.

Einteilung nach der Störung der Hämoglobinsynthese

Thalassämien werden heute danach klassifiziert, welche der Globinketten vermindert gebildet wird. Daraus ergeben sich die wesentlichen Subtypen der alpha-, beta-, delta/beta-, delta- und gamma/delta/beta-Thalassämien. Nahezu 200 verschiedene Mutationen wurden bis heute bei Patienten mit beta-Thalassämie oder verwandten Erkrankungen beschrieben [Olivieri NF 1999].

alpha-Thalasämien

Da alpha-Ketten sowohl im fetalen als auch im adulten Hämoglobin vorkommen, führt ein Mangel in der alpha-Ketten-Synthese zu Störungen in jedem Lebensalter: Eine verminderte alpha-Ketten-Synthese führt während der Fetalzeit zur exzessiven Bildung von gamma-Ketten, wodurch gamma-Tetramere entstehen, die als Hämoglobin-Barts bezeichnet werden. Im Erwachsenenalter kommt es demgegenüber zur exzessiven beta-Ketten-Produktion, wodurch beta4-Tetramere gebildet werden (HbH).

Drei wesentliche Gruppen der alpha-Thalassämien können definiert werden; sie unterscheiden sich auf molekularer Ebene erheblich:

  • alpha0-Thalassämie (keine alpha-Ketten-Synthese),
  • alpha+-Thalassämie (verminderte alpha-Ketten-Synthese) und
  • Thalassämien mit nicht-deletionalen Mutationen wie Hb-constant spring (Mutation des Stop-Codons) und verwandten anomalen Hämoglobinen.

Im Rahmen von Präleukämien und myelodysplastischen Syndromen kann eine alpha-Thalassämie auch als erworbene Form vorkommen [Bernini LF 1998].

beta- und delta/beta-Thalassämien

Die beta-Thalassämien sind durch die persistierende Synthese fetalen Hämoglobins (HbF) nach der Neugeborenenperiode gekennzeichnet. Zu ihnen gehören zwei Hauptvarianten:

  • bei einer Variante werden überhaupt keine beta-Ketten produziert (beta0-Thalassämie);
  • bei der anderen Variante werden die beta-Ketten lediglich vermindert synthetisiert (beta+-Thalassämie).

beta+- und beta0-Thalassämien sind auf molekularer Ebene extrem heterogen.
Das Gleiche gilt für die delta/beta-Thalassämien. Bei einigen Formen werden normale alpha-Ketten gemeinsam mit Nicht-alpha-Ketten als anomale Hämoglobine gebildet, die aus Teilen der delta- und beta-Kette fusioniert sind und zu sog. Lepore-Hämoglobinen führen.

delta-Thalassämien

Bei delta-Thalassämien werden delta-Ketten vermindert synthetisiert, wodurch bei Heterozygoten auch HbA2 vermindert ist und bei Homozygoten vollständig fehlt. Ihnen kommt keine klinische Bedeutung zu.

gamma/delta/beta-Thalassämie

Die gamma/delta/beta-Thalassämie manifestiert sich durch eine Anämie bei Neugeborenen und durch das klinische Bild der heterozygoten beta-Thalassämie bei normaler Produktion von HbA2 im Erwachsenenalter.

Literaturreferenzen:

  • Bernini LF, Harteveld CL.
    Alpha-thalassaemia.
    Baillieres Clin Haematol. 1998;11(1):53-90. Review. PM:10872473
    [Medline]


  • Olivieri NF.
    The beta-thalassemias.
    N Engl J Med. 1999;341(2):99-109. PM:10395635
    [Medline]


Aktuelle Berichte vom 58th
ASH Annual Meeting 2016,
San Diego, Kalifornien, USA [Mehr]
2016 ASCO Annual Meeting - aktuelle Berichte. Dieser Service wird gefördert durch:
mehr 
[Mehr]