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Langerhanszell-Histiozytose: Definition

Autor/en: M. Minkov, H. Gadner
Letzte Änderung: 07.11.2003

Historischer Überblick der Langerhanszell-Histiozytose

Die Erkrankung, die heutzutage als Langerhanszell-Histiozytose bezeichnet wird, hat bereits eine jahrhundertlange Geschichte hinter sich. Die verschiedenen Erscheinungsformen dieser Erkrankung wurden als einzelne Syndrome bzw. Krankheitsbilder beschrieben, und deren entsprechende Begriffe sollen in ihrer historischen Entwicklung im Folgenden kurz erläutert werden:

Hand-Schüller-Christian-Syndrom

1893 veröffentlichte Alfred Hand [Hand A 1893] unter dem Titel "Polyuria and tuberculosis" die Krankengeschichte eines dreijährigen Patienten mit Polyurie und Polydipsie, Hautveränderungen, Hepatosplenomegalie und Exophthalmus. 1915 veröffentlichte Artur Schüller [Schüller A 1915] seine Beobachtung über zwei Patienten mit Knochendefekten, Exophthalmus und "hypophysären Symptomenkomplexen". Die Knochenherde bildeten sich spontan zurück. Die Diagnose lautete "Eine Skelettanomalie infolge von Erkrankung der Hypophyse". 1920 behandelte Henry A. Christian [Christian HA 1920] ein kleines Mädchen mit Exophthalmus, Polydipsie und Polyurie und Knochendefekten mit Hypophysenextrakt. Da sich die endokrinologische Symptomatik besserte vermutete auch er eine Hypophysenfunktionsstörung als Krankheitsursache. 1921 erkannte Alfred Hand die Gemeinsamkeiten der von ihm und anderen beobachteten Patienten und revidierte seine Meinung über die Krankheitsursache: "... that the primary process may be neoplastic, benign and myxomatous in character, affecting for some unknown reason the membranous bones and producing exophthalmus and polyuria secondarily by pressure." [Hand A 1921].

(Abt)-Letterer-Siwe-Erkrankung

Erich Letterer beschrieb 1924 den Krankheitsverlauf eines Säuglings mit flohstichartigen, teils schuppigen Hautblutungen, Anämie und Hepatomegalie. Der Patient verstarb innerhalb von vier Tagen. Da die Autopsie eine großzellige Wucherung in der Milz und im lymphatischen Gewebe ergab, diagnostizierte Letterer diese Zellen als Retikulumzellen und bezeichnete das Krankheitsbild als akute, fulminante, nichtleukämische Erkrankung des retikuloendothelialen Systems [Letterer E 1924]. Neun Jahre später beschrieb Sture Siwe einen Patienten mit ähnlicher Symptomatik [Siwe S 1933]. Arthur Abt und Edward Denenholz benutzten erstmals die Bezeichnung Letterer-Siwe-Erkrankung zur Charakterisierung dieses akuten, fulminanten Krankheitsbildes mit Hepatosplenomegalie, Lymphadenopathie, lokalisierten Knochentumoren, Hautveränderungen, einer hämorrhagischen Tendenz und einer sekundären Anämie [Abt AF 1936].

Eosinophiles Granulom

1940 beschrieben S. Otani und J. Ehrlich [Otani S 1940], sowie L. Lichtenstein und H. Jaffe [Lichtenstein L 1940] unabhängig voneinander Patienten mit solitären Knochenläsionen. Histologisch imponierte eine Ansammlung von Histiozyten mit eingestreuten, deutlich sichtbaren eosinophilen Granulozyten. Diese Knochenläsionen wurden seither eosinophiles Knochengranulom genannt. Auch multiple Knochengranulome wurden beobachtet.

Histiozytosis X

Zu Beginn der 1940er-Jahre wurde erstmals eine Verbindung zwischen den drei bisher getrennt betrachteten Syndromen vermutet [Wallgren A 1940]. Sidney Farber kam 1941 auf Grund eines pathologischen Vergleichs auf die Idee, dass das eosinophile Knochengranulom, Hand-Schüller-Christian-Syndrom und die Letterer-Siwe-Erkrankung unterschiedliche klinische Manifestationen desselben pathologischen Prozesses darstellen [Farber S 1941]. 1953 veröffentlichte Louis Lichtenstein eine klassische Abhandlung, in der er die drei Krankheitsbilder unter dem Namen Histiozytosis X zusammenfasste [Lichtenstein L 1953]. Das "X" stand für die unklare Genese der Erkrankung.

Langerhanszell-Histiozytose

1973 gelang es Christian Nezelof, die bei der Histiozytosis X proliferierenden pathologischen Histiozyten als Langerhanszellen zu identifizieren [Nezelof C 1973]. Die Histiocyte Society - eine Gesellschaft von Ärzten und Wissenschaftlern mit dem Ziel, Forschungsprojekte über Histiozytosen zu fördern und das Wohlbefinden der Patienten und ihrer Familien zu verbessern - schlug auf Grund der eindeutigen Verbindung zwischen der Histiozytosis X und der Langerhanszelle den Namen "Langerhans cell histiocytosis" (deutsche Bezeichnung: Langerhanszell-Histiozytose) vor. Diese Bezeichnung bekam eine sehr große internationale Akzeptanz und ersetzt eine Reihe von Synonymen:

  • Hand-Schüller-Christian-Syndrom
  • Abt-Letterer-Siwe-Erkrankung
  • Eosinophiles Granulom
  • Histiocytosis X
  • Congenital self-healing histiocytosis (Hashimoto-Pritzker-Syndrom)
  • Pure cutaneous histiocytosis

Histiozytosen

Die Histiozytosen sind seltene Erkrankungen, die durch Proliferation von Zellen des Monozyten-Makrophagen-Systems hervorgerufen werden.

Langerhanszell-Histiozytose

Unter den Histiozytosen nimmt die Langerhanszell-Histiozytose (LCH) eine besondere Stellung ein. Es handelt sich dabei um eine reaktive Proliferation und/oder Akkumulation dendritischer Zellen, die phänotypisch mit den Langerhanszellen der Haut übereinstimmen und zusammen mit Lymphozyten, Plasmazellen, Eosinophilen, Fibroblasten und (gelegentlich) Riesenzellen charakteristische Infiltrate bilden.

 

Literaturreferenzen:

  • Abt AF, Denenholz EJ.
    Letterer-Siwe's Disease: splenomegaly associated with widespread hyperplasia of nonlipoid-storing macrophages; discussion of the so-called reticulo-endothelioses.
    Am J Dis Child 1936;51:499-522.


  • Christian HA.
    Defects in membranous bones, exophthalmos and diabetes insipidus; an unusual syndrome of dyspituitarism: a clinical study.
    Med Clin North Am 1920;3:849-871.


  • Farber S.
    The Nature of "Solitary or Eosinophilic Granuloma" of Bone.
    Am J Pathol 1941;17:625-629.


  • Hand A.
    Polyuria and tuberculosis.
    Arch Pediatr 1893;10:673-675.


  • Hand A.
    Defects of Membraneous Bones, Exophthalmus and Polyuria in Childhood: Is it Dyspituitarism?
    Am J Med Science 1921;162:509-515.


  • Letterer E.
    Aleukämische Retikulose. (Ein Beitrag zu den proliferativen Erkrankungen des Retikuloendothelialapparates.)
    Frank Zeit Pathol 1924;30:377-394.


  • Lichtenstein L, Jaffe HL.
    Eosinophilic Granuloma of Bone.
    Am J Pathol 1940;16:595-604.


  • Lichtenstein L.
    Histiocytosis X. Integration of Eosinophilic Granuloma of Bone, "Letterer-Siwe Disease", and "Schüller-Christian Disease" as Related Manifestations of a Single Nosologic Entity.
    AMA Arch Pathol 1953;56:84-102.


  • Nezelof C, Basset F, Rousseau MF.
    Histiocytosis X; Histogenetic arguments for a Langerhans cell origin.
    Biomedicine 1973;18:365-371. PM:4356601
    [Medline]


  • Otani S, Ehrlich JC.
    Solitary granuloma of bone simulating primary neoplasm.
    Am J Pathol 1940;16:479-490.


  • Schüller A.
    Über eigenartige Schädeldefekte im Jugendalter.
    Fortschr Geb Röntgenstr 1915;23:12-19.


  • Siwe S.
    Die Reticuloendotheliose - ein neues Krankheitsbild unter den Hepatosplenomegalien.
    Z Kinderheilk 1933;55:212-247.


  • Wallgren A.
    Systemic reticuloendothelial granuloma: Nonlipoid reticuloendotheliosis and Schüller-Christian Disease.
    Am J Dis Childh 1940;60:471-500.


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