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18 Fatigue - Prophylaxe und Therapie: Definition, Konzept und Problembeschreibung
Allen mit Tumorerkrankungen befassten Ärzten geläufig, gilt Fatigue heute als eines der häufigsten und zugleich als eines der am wenigsten differenziert erfassten Symptome von Tumorpatienten. Die verfügbaren Zahlen schwanken, aber in der Literatur wird die Fatigue mit einer Prävalenz von bis zu 75% oft als "wichtigstes" Symptom bei onkologischen Erkrankungen angeführt [Ahlberg K 2003].
Eine aktuelle Literaturrecherche in Medline mit den beiden Begriffen "Krebs" und "Fatigue" (Neoplasms & Fatigue) ergibt (Zahlen für 2004 auf Basis des ersten Halbjahres) eine deutliche Zunahme der "wissenschaftlichen Repräsentanz" der Thematik (von weniger als 10 Veröffentlichungen in den Jahren vor 1980 bis weit über 350 im Jahre 2004). Seit Beginn der 1980er Jahre bedeutet dies bis heute eine etwa durchschnittliche Verdopplung der Anzahl der Arbeiten alle 5 Jahre.
Im englisch- oder französischsprachigen Kontext bedeutet das Wort "Fatigue" Ermüdung, Müdigkeit bis hin zu Erschöpfung und völliger Abgeschlagenheit. Von zentraler Bedeutung ist, dass es sich nicht um ein physiologisches Phänomen im weitesten Sinne handelt, sondern im Pathologisch-Anormalen angesiedelt ist. Dies entspricht der Verwendung des Begriffs in den Ingenieurwissenschaften oder auch in der Orthopädie, wo von Materialermüdungsbrüchen die Rede ist. Die Übertragung alltagssprachlicher Zusammenhänge auf eine wissenschaftlich exakte Annäherung an die Phänomenologie einer solchen Begrifflichkeit macht es notwendig, für die jeweiligen Zusammenhänge adäquate Konzeptbildungen zu erreichen. Entsprechend kann eine Dreigliedrigkeit vorschlagen werden, die sich mit der Konzeptualisierung des Begriffs für "normal Gesunde", für "normal Erkrankte" sowie für "spezifisch Erkrankte" (Patienten mit Tumorerkrankung) beschäftigt. Für Fatigue bei Normalpersonen sind die normale Ermüdbarkeit von Strukturen sowie die Erholbarkeit dieser Ermüdung nach Belastung zu beschreiben und in ihrem Ausmaß zu definieren. Es ist gut belegbar, dass hierbei das Alter eine Hauptvariable für die Ermüdbarkeit bzw. die Erholung von Strukturen darstellt. Alterungsprozesse bedeuten i.d.R. eine größere Ermüdbarkeit sowie eine verlängerte Erholungsphase, und diese Prozesse sind bei der Konzeptualisierung des Begriffs "Fatigue" für den Kontext des Gesunden zu berücksichtigen. Befunde aus empirischen Untersuchungen zeigen deutlich die Altersabhängigkeit von Fatigue; hiervon unbenommen bleibt die durchaus uneindeutig zu bewertende Dimensionalisierung von Fatigue, die für manche Bereiche (wie den physischen) eine sehr klare und für andere Bereiche (wie den mentalen) eine schwächere Altersabhängigkeit aufweist [Schwarz R 2003].
Verknüpft man in einem zweiten Schritt Fatigue mit pathologischen Prozessen, so zeigen sich eine quantitativ und qualitativ stärkere Ermüdbarkeit sowie die entsprechende Verlängerung der Erholungsphasen, bedingt durch krankhafte, d.h. nicht wie beim Alter naturgemäße, Veränderungen der belasteten Strukturen. Im Sinne eines allgemeinen Krankheitsverständnisses ist davon auszugehen, dass, ohne spezifische Annahmen, wie z.B. bei Krebserkrankungen, eine Fatigue-relevante Allgemeinerkrankung insgesamt eine über das normale Maß hinausgehende Schwächung des Organismus sowie auch eine verlängerte Erholungszeit mit sich bringt. Solche Effekte müssen sich in entsprechenden Untersuchungen von Krankheitspopulationen im Vergleich zu Normalpersonen zeigen lassen und Fatigue als krankheitsabhängige Variable kenntlich machen.
Weiterhin abzugrenzen sind spezifische Erkrankungen wie die der Krebserkrankungen. Verschiedenste Befunde sprechen dafür, dass die Veränderungen von Organsystemen wie Immunabwehr, Strukturen des Zentralnervensystems etc. bei einer Erkrankungsgruppe wie den Tumorerkrankungen nicht unspezifisch, sondern durchaus spezifisch sind, sodass Fatigue in einem charakteristischen Muster und in spezifischer Ausprägung entsteht. Obwohl die Befundlage noch zu wenig eindeutig erscheint, lassen sich bereits jetzt klare Unterschiede zwischen verschiedenen Tumorerkrankungen ausmachen. Im Sinne einer spezifischen Konzeptbildung von Fatigue bei bestimmten Erkrankungen lassen sich dann gegenüber dem Gesunden und dem Allgemeinkranken unterscheidbare Differenzen bezüglich Ausprägungsgrad, Dimensionsprofil und Erholungsmuster feststellen.
Im angloamerikanischen Sprachraum hat sich der Begriff der Cancer related fatigue (CRF) für das Syndrom der krebsbezogenen Fatigue eingebürgert. Das National Comprehensive Cancer Network (NCCN) definiert diese Form der Fatigue als "anhaltende und subjektive Empfindung von Erschöpfung in Zusammenhang mit der Krebserkrankung und/oder deren Behandlung, die das übliche Funktionsniveau im Alltag beeinträchtigt" [Watson T 2004]. Im Gegensatz zur normalen Erschöpfung, die sich im Alltag durch Ruhe, ausreichende Ernährung und Schlaf zurückbildet, persistiert die krebsbezogene Fatigue, ist von größerer Ausprägung und verliert sich nicht durch Ruhe und einen adäquaten Nachtschlaf.
Grob lässt sich eine Einteilung in Symptom, Syndrom, Erkrankung und Folgewirkung sowie in eine subjektive und eine objektive Dimension vornehmen (s. Tab. 18.1). Auf einer Symptom- bzw. Syndromebene lässt sich Fatigue bestimmten bekannten Erkrankungen, wie z.B. der Depression oder auch den Krebserkrankungen, zuordnen, als eigenständige Erkrankung wird es für das in vielen Punkten noch unzureichend aufgeklärte Chronic fatigue syndrome (CFS) verwendet. Als spezifische Nebenwirkung kann Fatigue bestimmten Therapieinterventionen, wie z.B. der Chemo-/Radiotherapie, zugeordnet werden.
Tab. 18.1: Fatigue im medizinischen Kontext | Ausprägungsmöglichkeiten | Symptom (z.B. bei Depression) Syndrom (z.B. nach Krebserkrankung) Erkrankung (z.B. Chronic fatigue syndrome) Folgewirkung: Nebenwirkung (z.B. nach Chemo-/ Radiotherapie), Spätfolge (z.B. nach Thoraxbestrahlung)
| Dimensionen | Subjektive Dimension, multidimensional: physisch, affektiv, kognitiv etc. Objektive Dimension: Funktionsparameter der Organsysteme (Herz-Kreislauf-, Immun-, hämatopoetisches System, ZNS etc.)
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Spezifische Ursachen für die Entwicklung tumorbedingter Fatigue sind bislang nicht bekannt, obwohl angenommen werden muss, dass eine Reihe physiologischer und auch psychischer bzw. psychosozialer Faktoren hierbei eine Rolle spielen. Als mögliche Faktoren sind bekannt: Anämie, onkologische Behandlungsverfahren (vordringlich Chemotherapie und Radiotherapie), Kachexie, Tumorlast und Tumorausbreitung sowie zytokinbedingte Effekte [Flechtner H 2003]. Die Anämie ist sicherlich die bedeutsamste Einzelursache tumorbedingter Fatigue, obwohl auch ein nicht unerheblicher Prozentsatz von Patienten ohne Anämie über alltagsbeeinträchtigende Fatigue klagt. Behandlungsbezogene Effekte durch Radiotherapie und Chemotherapie spielen ebenfalls eine große Rolle, auch die BRM-Substanzen (Biological response modifyers) wie Interferon können für die Entwicklung von Fatigue verantwortlich sein [Patrick DL 2003].
Insgesamt kann davon ausgegangen werden, dass die Mehrzahl der Patienten (70-100%) während der Standardtherapieverfahren unter Fatigue leidet. Differenzierte Aussagen zu Chemotherapie- bzw. Strahlentherapieregimes bezogen auf einzelne Tumorentitäten liegen allerdings noch kaum vor. Die Tumorausdehnung selbst, d.h. das Tumorstadium, korreliert mit dem Ausmaß von Fatigue, ein spezifischer Effekt der Tumorzellmasse spielt aber sicherlich eine untergeordnete Rolle. Die verschiedenen Zytokine wie Interleukine, Tumornekrosefaktor und ähnliche Substanzen spielen sowohl im Rahmen des genuinen Krebsgeschehens als auch bei entsprechenden Behandlungsansätzen eine wichtige Rolle. Inwieweit in der Tat eine verstärkte Freisetzung von Zytokinen als Teil der Entzündungsreaktion bei der Krebserkrankung und der Behandlung eine Rolle für die Entwicklung von Fatigue spielt, ist bisher nicht bekannt. Aus dem psychischen Bereich ist die Überschneidung mit den ängstlich-depressiven Syndromen bekannt, da bei Tumorerkrankungen oft erhöhte Angst- und Depressionswerte bestehen [Reuter K 2000]. Ebenso zeigen sich Verknüpfungen zu tumorbedingten Schmerzsyndromen.
Literaturreferenzen:
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Ahlberg K, Ekman T, Gaston-Johansson F, Mock V.
Assessment and management of cancer-related fatigue in adults.
Lancet 2003;362 (9384):640-650. PM:12944066
[Medline]
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Flechtner H, Bottomley A.
Fatigue and quality of life: lessons from the real world.
Oncologist 2003;8 (Suppl 1):5-9. PM:12626781
[Medline]
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Patrick DL, Ferketich SL, Frame PS, Harris JJ, Hendricks CB, Levin B, Link MP, Lustig C, McLaughlin J, Ried LD, Turrisi AT 3rd, Unutzer J, Vernon SW; National Institutes of Health State-of-the-Science Panel.
National Institutes of Health State-of-the-Science Conference Statement: Symptom Management in Cancer: Pain, Depression, and Fatigue, July 15-17, 2002.
J Natl Cancer Inst 2003;95 (15):1110-1117. PM:12902440
[Medline]
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Reuter K, Härter M.
Differentialdiagnose von Fatigue und depressiven Störungen bei Tumorerkrankungen.
In: Weis J, Bartsch HH (Hrsg).
Fatigue bei Tumorpatienten - Eine neue Herausforderung für Therapie und Rehabilitation.
Basel, Freiburg: Karger 2000;36-51.
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Schwarz R, Krauss O, Hinz A.
Fatigue in the general population.
Onkologie 2003;26 (2):140-144. PM:12771522
[Medline]
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Watson T, Mock V.
Exercise as an intervention for cancer-related fatigue.
Phys Ther 2004;84:736-743. PM:15283624
[Medline]
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