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Geschichtlicher Hintergrund der Klassifikation maligner Lymphome

Autor/en: M. Uppenkamp
Letzte Änderung: 30.05.2003

In den letzten 40 Jahren haben immunologische, zytomorphologische und genetische Untersuchungsmethoden das Verständnis über das Immunsystem und seine Neoplasien kontinuierlich verbessert. Diese Entwicklung findet ihren Ausdruck in der großen Anzahl unterschiedlicher Lymphomklassifikationen.

Die erste Lymphomentität wurde 1832 von Thomas Hodgkin, der als Kurator am Museum des Guy's Hospitals in London tätig war, beschrieben [Hodgkin T 1832] [(Hodgkin T) 1973]. 1925/27 klassifizierten Brill und Simmers ein Lymphom, dass heute als follikuläres Lymphom bezeichnet wird [Brill NE 1925]. Burkitt beschrieb 1958 ein Lymphom, dass den Kieferknochen afrikanischer Kinder arrodierte [Burkitt DP 1958]. Ein früher Klassifizierungsversuch durch Gall und Mallory 1942 erwies sich für die klinische Anwendung als nicht geeignet [Gall EA 1942]. Die Einteilung benutzte Begriffe, wie Lymphosarkom, Retikulumzellsarkom und großes follikuläres Lymphom.

1966 schuf Rappaport die erste Lymphomklassifikation, die eine breite Akzeptanz in Nordamerika und England fand [Rappaport H 1966]. Sie basierte auf drei morphologischen Kriterien: Wachstumsmuster (diffus vs. nodal), Zellgröße (klein vs. groß) und zytomorphologischer Differenzierung (gut vs. schlecht differenziert). Diese Einteilung konnte jedoch nicht ohne Probleme modifiziert werden, als neue Erkenntnisse und Lymphomentitäten integriert werden mussten. Als Konsequenz wurden in den 70er-Jahren unterschiedliche Klassifikationssysteme etabliert (Lukes und Collins 1974, Dorfman 1974, British National Lymphoma Investigation 1974 von Bennett, WHO 1976, und die Kiel-Klassifikation 1974 von Lennert) [Lukes RJ 1974] [Mathe G 1976] [Gerard-Marchant R 1974] [Lennert K 1975a] [Lennert K 1975b].
Die Klassifikationen von Lukes und Collins und die Kiel-Klassifikation von Lennert wurden am häufigsten benutzt; die letztere überwiegend in Europa [Lukes RJ 1974] [Gerard-Marchant R 1974] [Lennert K 1975a] [Lennert K 1975b]. Lymphomentitäten konnten zwischen der Kiel-Klassifikation und der Einteilung nach Lukes-Collins relativ einfach übersetzt werden, während dies mit der Rappaport-Klassifikation nahezu unmöglich war.

Mit dem Ziel eine gemeinsame Sprache für die Entitäten in den unterschiedlichen Schemata zu schaffen, wurde 1982 in den USA die 'Working Formulation of Non-Hodgkin's Lymphoma for Clinical Usage' (WF) als eine NCI-Studie gegründet [The Non-Hodgkin's Lymphoma Pathologic Classification Project 1982]. In den nächsten 20 Jahren wurde die WF das Klassifizierungssystem in Nordamerika, während die Kiel-Klassifikation, überarbeitet 1988 und 1992, die klinische Praxis in Europa dominierte. Darunter litt die Vergleichbarkeit klinischer und experimenteller Lymphomstudien, da bestimmte Entitäten nicht in dem anderen Schema auftauchten und umgekehrt [Stansfeld A 1988] [Lennert K 1992]. Ein Problem war, das die WF nicht die Kenntnisse der modernen Immunologie einschloss.

Die zunehmende Inzidenz von Non-Hodgkin-Lymphomen in der westlichen Hemisphere und die Entdeckung verschiedener - bislang unbekannter - Lymphomsubtypen, machten eine neue und reproduzierbare Lymphomklassifikation unumgänglich. In dieser Situation wurde 1990 die 'International Lymphoma Study Group' (ILSG) in Berlin gegründet. Die Experten der ILSG konnten sich nicht auf eine der exsistierenden Klassifikationen einigen. Sie publizierten stattdessen einen Konsensusvorschlag für die Klassifikation von humanen lymphatischen Neoplasien. Unter Benutzung der vorhandenen morphologischen, immunologischen und genetischen Techniken unterschieden sie Lymphome in gut definierte und diagnostisch reproduzierbare ('reale') Entitäten. Die 'Revised European-American Classification of Lymphoid Neoplasms' (R.E.A.L.) wurde 1994 publiziert. Sie ist eng mit der überarbeiteten Kiel-Klassifikation verwandt [Harris NL 1994]. Die R.E.A.L.-Klassifikation war die erste Lymphomeinteilung, die auf beiden Seiten des Atlantiks akzeptiert wurde.

Im gleichen Jahr wurde die ILSG von der WHO gebeten, eine neue Klassifikation für alle hämatologischen Neoplasien zu entwickeln. Die R.E.A.L.-Klassifikation sollte überarbeitet und revidiert werden, mit dem Ziel, einen möglichst umfassenden Konsens zu schaffen und die Prinzipien für die Definition der Erkrankungen festzulegen. 1999 wurde die vorgeschlagene WHO-Klassifikation als Report des klinischen 'Advisory committee' Treffens von 1997 publiziert [Harris NL 1997] [Jaffe ES 1999]. Die endgültige Version wurde 2001 unter der Schirmherrschaft der WHO veröffentlicht; sie umfasst alle Tumoren des hämatopoetischen und lymphatischen Gewebes [World Health Organization Classification of Tumors 2001].

Literaturreferenzen:

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    Am J Pathol 1942;18:381-429.


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    A revised European-American classification of lymphoid neoplasms: a proposal from the International Lymphoma Study Group.
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    Geneva: World Health Organization 1976


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    Updated Kiel classification of lymphomas.
    Lancet 1988;1:292-293. PM:2893097
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  • The Non-Hodgkin's Lymphoma Pathologic Classification Project.
    National Cancer Institute sponsored study of classification of non-Hodgkin's lymphomas. Summary and description of a Working Formulation for clinical usage.
    Cancer 1982;49:2112-2135. PM:6896167
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  • World Health Organization Classification of Tumors.
    Pathology & Genetics Tumours of Haematopoietic and Lymphoid Tissues.
    IARC Press, Lyon 2001


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