Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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Ätiologie und Pathogenese des kolorektalen Karzinoms

Autor/en: H.-J. Schmoll, D. Arnold, A. Lang, U. Graeven
Letzte Änderung: 22.05.2007

Stammzelle des Kolon-/Rektumkarzinoms

Es wird davon ausgegangen, dass Adenome vermutlich aus den Stammzellen hervorgehen (Kolonmukosa-Stammzellen bzw. adulte Stammzellen), von denen sich 1-5 in jeder Kolonkrypte nachweisen lassen. Das weitere Schicksal des Adenoms hängt von weiteren Faktoren ab, wie genetischer Prädisposition und karzinogenen und co-karzinogenen Einflüssen.

Adenome/Polypen als Vorläufer des Karzinoms

Die Vorstufe des kolorektalen Karzinoms ist das Adenom der Dickdarmschleimhaut. Das Adenom ist eine Proliferation des Mukosaepithels mit geringerer Differenzierung gegenüber normalen Mukosazellen, Strukturveränderung der Drüsen und in der Regel exophytischem, in das Darmlumen hineinragendem Wachstum (tubuläres oder villöses Adenom); seltener ist es ein flaches Adenom. Wie bei kaum einem anderen Tumor ist die molekulare Entwicklung vom Adenom zum Karzinom zumindest im Prinzip definiert. Allerdings wird nur ein geringer Anteil der Adenome zu einem kolorektalen Karzinom. Die aus Screeningstudien mit Koloskopie geschätzte Prävalenz von Adenomen im Kolon/Rektum beträgt ca. 10% bei den 45- bis 50-Jährigen, 15% bei den 50- bis 75-Jährigen und 40% bei den über 80-Jährigen, mit höherem Vorkommen bei Männern im Vergleich zu Frauen. Die Hälfte dieser Adenome liegt im distalen Kolon und Sigmoid.

Die Adenome im distalen Kolon nehmen nach dem 60. Lebensjahr nicht mehr zu, während der Anteil proximal gelegener Adenome weiter zunimmt. Dies weist auf unterschiedliche Faktoren in der Genese von Adenomen und vermutlich auch Karzinomen in den verschiedenen Darmanteilen hin, entsprechend den unterschiedlichen Funktionen der verschiedenen Abschnitte von Kolon und Rektum bzw. der Zusammensetzung des Darminhalts.

Follow-up-Studien nach Diagnose eines Adenoms mit entweder kompletter Exzision oder nur Biopsie ohne weitere Behandlung haben gezeigt, dass die Resektion des Adenoms das Risiko, später an einem kolorektalen Karzinom zu erkranken, auf das Maß von Nichtadenomträgern senkt - allerdings nicht eliminiert, während die Patienten mit belassenem Adenom ein 8faches Risiko für die Entwicklung eines kolorektalen Karzinoms hatten.
Die Zeit von der Entdeckung eines Adenoms bis zum Auftreten eines Karzinoms im Adenom kann bis zu 15-20 Jahre betragen. Es wird geschützt, dass ein Adenom mit einem Durchmesser >1 cm mit einer Wahrscheinlichkeit von 15% innerhalb von 10 Jahren sich zu einem Karzinom entwickelt.

Molekulare Pathogenese der Adenom-Karzinom-Sequenz

Der für die Karzinomentwicklung wichtigste Schritt einer Reihe genetischer Ereignisse ist eine somatische Mutation und/oder der Verlust der Heterozygotie ("Loss of Heterozygosity", LOH) auf Chromosom 5 im Bereich des APC-Gens, das hierdurch inaktiviert wird (Nonsense-Mutationen und kleine Deletionen).
Die Ursachen für die Mutation können epigenetische Ereignisse infolge von Karzinogenen sein, wie Rauchen (GSTM1), heterozyklische Amine (NAT 1/2) sowie Folsäuremangel oder verminderte Methioninzufuhr, ebenso wie hoher Alkoholkonsum mit veränderter Methylierung. Im weiteren Verlauf kann es zu einer Mutation von k-ras kommen (Chromosom 12q), gefolgt von weiteren genetischen Veränderungen wie einer Mutation im TGF-beta-II-Rezeptor und LOH von Chromosom 18q mit Inaktivierung der Tumorsuppressorgene DCC, DPC4, SMAD2.
Der Übergang vom späten Adenom in das manifeste Karzinom wird wahrscheinlich erst ermöglicht durch eine weitere Mutation, nämlich LOH von Chromosom 17p und einer Mutation von p53. Tabellen 2 und 3 geben eine Übersicht über die wichtigsten Gene und die somatischen Mutationen in Onkogenen und Tumorsuppressorgenen beim kolorektalen Karzinom [Wong-Seok J 2005].

Auch die Colitis ulcerosa als chronische Entzündung des Darms ist ein Risikofaktor wie das Adenom mit einem 20- bis 40fach gesteigerten Risiko für ein kolorektales Karzinom. Die Zusammenhänge sind vermutlich auf der Basis von chronischer Entzündung und hyperproliferativem Epithel als Folge der Entzündung und Destruktion zu sehen, mit entsprechender Stammzellaktivierung bzw. Anfälligkeit für mutagene Ereignisse.

Somatische Mutationen bei Onkogenen und Tumorsuppressorgenen - sporadische Tumoren

Onkogene

K-ras

Punktmutation (Codons 12, 13, 61)

48% (>75% auf Codon 12)

N-ras

Punktmutation (Codons 12, 13, 61)

<5%

beta-Catenin

Punktmutation und In-frame-Deletion am aminoterminalen GSK3-Phosphorylierungsort

ca. 2-5%

neu (Her2/ErbB2)

Amplifikation

<5%

c-myc

Amplifikation

<5%

myb

Amplifikation

<5%

Tumorsuppressorgene (und potenzielle Tumorsuppressorgene)

p53

Punktmutation, LOH

>60%; >95% der Punktmutationen sind Missense

APC

Kleine Insertion oder Deletion

>70%; >95% der Mutationen bedingten Frameshift oder Nonsense mit prämaturer Einschränkung der Proteinsynthese

DPC4/SMAD4

Punktmutation, LOH

LOH in ca. 60%; Missense-
und Nonsensemutationen in ca. 10-15%; homozygote Deletionen in ca. 2%

SMAD2/JV18-1

Punktmutation oder kleine Deletion, LOH

LOH in ca. 60%; Missense-
mutationen oder kleine Deletionen in <5%

NF-1

Punktmutation

Unbekannt; nur ein Fall beschrieben

TGF-beta RII

Kleine Insertion oder Deletion, Punktmutation

10-15%; nur Tumoren mit Mikrosatelliteninstabilität zeigen Mutationen in einem Mononukleotidantwortkomplex, der eine prämature Einschränkung der Proteinsynthese bedingt

DCC

Insertion, Deletion, LOH

LOH in ca. 60%; Mikrosatelliten-
insertionen im Intron in ca. 10-15%; homozygote Deletionen in ca. 2%

MCC

Punktmutation, LOH

LOH in ca. 50%; lokalisierte Inaktivierungsmutationen in ca. 5%

LOH: Loss of heterozygosity

Die wichtigsten Gene in der Genese des kolorektalen Karzinoms - nach [de la Chapelle A 2004]

Gen

Chromosomale Lokalisation

Funktion

Pathway

p53

17p13

Regulation von Zellzyklus und Apoptose

LOH, PJS, FAP

APC

5q21

Gatekeeper der Kolonzellreplikation

LOH, FAP

K-ras

11p15

Kodiert ein GTPase-aktivierendes Protein

LOH, FAP (?)

DCC

18q

Reguliert Zell-Umgebungs-Interaktionen

LOH, FAP (?), PJS (?)

STK11

18q13

Kodiert eine Serin-/Threonin-Kinase

PJS

SMAD4

18q21

TGF-beta signaling pathway

FJP

PTEN

10q23

Kodiert eine Phosphatase

Cowden-Syndrom

MSH2

2p16

DNS-Mismatch-Reparatur

HNPCC - MSI

MLH1

3p21

DNS-Mismatch-Reparatur

HNPCC - MSI

PMS1

2q31

DNS-Mismatch-Reparatur

HNPCC - MSI

PMS2

7p22

DNS-Mismatch-Reparatur

HNPCC - MSI

MSH6

2p16

DNS-Mismatch-Reparatur

HNPCC - MSI

BUB1

2q12

Kontrolle der Mitose

Aneuploidale Tumoren

LOH: Loss of heterozygosity; PJS: Peutz-Jeghers-Syndrom; FAP: familiäre adenomatöse Polypose; MSI: Mikrosatelliteninstabilität; HNPCC: hereditäres nicht-polypöses kolorektales Karzinom

Ernährungs- und Umweltfaktoren

Fett und Fleisch

Die karzinogene Wirkung von Fett und cholesterinreicher Ernährung beruht auf einer erhöhten Produktion und hepatischer Ausscheidung von Gallensäuren und Cholesterin sowie dem Abbau durch Darmbakterien mit entsprechender Konzentrationssteigerung toxischer Gallensäuren. Zusammen mit verstärkt synthetisierten Triglyzeriden und fäkalen Pentanen ist somit ein großes Angebot an Karzinogenen vorhanden.
Der gesamte Fleischkonsum spielt keine Rolle, vielmehr aber der Anteil von rotem Fleisch (Rind, Schwein, Lamm) neben einem hohen Fettanteil im Vergleich zu Hühnerfleisch und Fisch, ebenso aber auch die Art der Zubereitung. Bei hohen Kochtemperaturen wie beim Braten und Grillen entstehen aus den tierischen Proteinen polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, heterozyklische Amine und Nitrosamine, die alle Karzinogene darstellen. Bei Verzehr von 120 g rotem Fleisch beträgt die Risikozunahme 24%, bei verarbeitetem Fleisch beträgt sie schon bei 30g 36%. Eine individuelle Empfindlichkeit für diese Stoffe aufgrund von genetischen Polymorphismen für metabolische Enzyme wie N-Acetyltransferase (NAT1, -2) und Cytochrom P450 (CYP1A2) spielt ebenso eine Rolle, da diese an der Karzinogenaktivierung und -inaktivierung beteiligt sind.
Geographische und internationale Unterschiede für die Inzidenz des kolorektalen Karzinoms in Verbindung mit dem Pro-Kopf-Verbrauch für Fett und Fleisch ergeben, dass die fettreiche Ernährung mit tierischen und gesättigten Fettsäuren risikosteigernd ist, während die Benutzung von ungesättigten Fischölen (Omega3-Fettsäuren) und pflanzlichen Ölen (Olivenöl) eine protektive Wirkung hat (Risikofaktor 1,9%, Nurses' Health Study). Allerdings hat eine Metaanalyse von 13 Fallkontrollstudien keine Risikosteigerung in Abhängigkeit von der Gesamtenergie und Fettzufuhr gezeigt. Widersprüchliche Daten sind auch für den erhöhten Genuss roten Fleisches vorhanden, mit einer Risikosteigerung von 0-25%, wobei aber die größte Zahl der Studien ein deutlich gesteigertes Risiko zeigt, besonders für frittiertes und stark angebratenes Fleisch.

Gemüse, Früchte und Getreide

Gemüse, Früchte und Getreide sind ebenso protektiv für Adenome und Karzinome, allerdings ist die Assoziation relativ schwach. Eine europäische Studie mit über 500 000 Personen (EPIC-Studie) aus 10 europäischen Ländern zeigte für die ersten 5 Jahre des Follow-up eine signifikante Reduktion des relativen Risikos für ein kolorektales Karzinom von 0,75 in Abhängigkeit von der täglichen Ballaststoffzufuhr. Der Effekt war am größten für linksseitig lokalisierte kolorektale Karzinome und am geringsten für das Rektumkarzinom. Insgesamt ergab sich für eine Ballaststoffzufuhr von 20 g/Tag eine Risikoreduktion von bis zu 40% bei konsequenter langfristiger Verdoppelung der Ballaststoffzufuhr. Allerdings ist bei der Entstehung eines zweiten Adenoms nach Resektion eines primären Adenoms kein wesentlicher Einfluss der Ernährung festgestellt worden.

Ballaststoffe

Lösliche Ballaststoffe induzieren im Darm infolge fermentativen Abbaus durch anaerobe Darmbakterien eine gesteigerte Synthese von kurzkettigen Fettsäuren und Butyraten, denen ein protektiver Effekt im Rahmen der Karzinogenese durch Inhibierung von Zellteilung, Förderung von Zelldifferenzierung sowie Induktion von Apoptose zugeschrieben wird. Die Faserstoffe selbst führen zu einem pH-Abfall sowie verminderter Fermentation von mehreren potenziell karzinogenen Gallensäuren. Unlösliche Ballaststoffe führen über ein erhöhtes Stuhlvolumen zu einer Verdünnung von karzinogenen Darmlumen und durch eine Beschleunigung der Darmpassage zu einer verminderten luminalen Karzinogenexposition. Zusätzlich werden toxische Stuhlbestandteile, wie z.B. sekundäre Gallensäuren, gebunden und dadurch der Kontakt zwischen Darmepithel und Karzinogen minimiert.

Vitamine, Spurenelemente und essenzielle Aminosäuren

Die Untersuchungen hierzu sind uneinheitlich, und die Ergebnisse führen nicht zu wesentlichen Standardvorgaben in Bezug auf die Supplementierung von Vitaminen und Spurenelementen (Einzelheiten in der Übersicht von Hofstädter). Ein möglicher Effekt ist für Selen beschrieben, möglicherweise auch für Kalzium (Kalziumaufnahme mit der Nahrung größer als 1250 mg/Tag ist wahrscheinlich protektiv), ebenso für Folsäure und Methionin.

Alkohol

Die Daten zur Rolle von Alkohol sind uneinheitlich; allerdings ist es sehr wahrscheinlich, dass die entscheidende Einflussgröße eine hohe Ethanolmenge ist, mit zunehmendem Risiko bei 25, 50 und 100 g Alkohol/Tag entsprechend einer relativen Risikoerhöhung von 1,14 bis 1,32. Zusätzlich muss eine individuelle Suszeptibilität vorhanden sein, z. B. ein genetischer Polymorphismus bei den metabolischen Enzymen, speziell für Methylentetrahydrofolsäure-Reduktase.

Rauchen, Nikotin- und Tabakkonsum

Rauchen steigert das Risiko für kolorektale Karzinome um den Faktor 2-3, während diese Zusammenhänge für das kolorektale Karzinom noch nicht eindeutig bewiesen sind. Allerdings geben populationsbezogene Fallkontrollstudien eine 50%ige Zunahme für das kolorektale Karzinom bei Konsum von mehr als 20 Zigaretten/Tag sowie eine 40%ige Risikosteigerung bei mehr als 35 Raucherjahren. Diese Risikosteigerung ist möglicherweise zusätzlich abhängig von genetischen Polymorphismen für N-Acetyltransferase und Cytochrom P450.

Körperliche Bewegung/Bodymass-Index

Fehlende körperliche Aktivität steigert das Risiko für ein kolorektales Karzinom, während nachgewiesenermaßen gesteigerte körperliche Aktivität das Risiko reduziert. Personen, die konsequent während ihres gesamten Lebens körperlich aktiv sind, haben das geringste Kolonkarzinomrisiko. Fettleibigkeit und hoher Bodymass-Index sind assoziiert mit einer Steigerung des relativen Risikos von 1,5-2. Es ist allerdings unklar, wieweit Fettleibigkeit und körperliche Aktivität einander bedingende Faktoren sind.

Hormonsubstitution

Östrogen-/Progesteronmedikation nach einer mittleren Nachbeobachtungszeit von 5-6 Jahren führte in einer großen Studie mit 16 608 postmenopausalen Frauen zu einer Reduktion der Inzidenz für ein kolorektales Karzinom mit einem Hazard-Ratio von 0,65.

Nicht-steroidale Antiphlogistika (NSAR)

Eine chemopräventive Wirkung der NSAR ist bei regelmäßiger und langjähriger Einnahme nach-gewiesen, und zwar sowohl für Adenome als auch für kolorektale Karzinome. Bei Patienten mit FAP ist eine Regression von Adenomen nachgewiesen, wohl auch für sporadische Polypen. Relevant für diese Wirkung ist die Hemmung der Cyclooxygenase-2 (COX-2), ein zentrales Enzym im Arachidonsäurestoffwechsel und bei der Prostaglandinsynthese.Dennoch ist die Evidenz angesichts der potenziellen Risiken einer allgemeinen Prophylaxe mit NSAR als schwach einzustufen, so dass eine Standardprophylaxe mit NSAR wie Acetylsalicylsäure oder Sulindac in Deutschland noch nicht empfohlen wurde.

Genetische Prädisposition / Syndrome

Ca. 10% der kolorektalen Karzinome gehen auf eine besondere genetische Prädisposition zurück, auf deren Boden karzinogene Einflüsse besonders wirksam sein können. Es handelt sich um die familiäre adenomatöse Polypose (FAP), das Gardner-, Turcot- und Peutz-Jeghers-Syndrom, die familiäre juvenile Polypose und das hereditäre, nichtpolypöse kolorektale Krebssyndrom (HNPCC- oder auch Lynch-Syndrom genannt).

Anteil hereditärer kolorektaler Karzinome - nach [Mendelsohn J 2001]

 

Kolon-
polypen

Extrakolische Manifestationen

für Kolonkarzinom

Anteil an allen
Kolonkarzinomen

Familiäre adenomatöse Polyposis (FAP)

>100

Dünndarmadenome und -karzinome, Magenadenome und -karzinome, Schilddrüsenkarzinome

>70%

0,5%

Gardner-Syndrom

>100

Epidermoidzysten, Desmoidtumoren, Osteome, Fibrome

?

<0,5%

Turcot-Syndrom

>100

Hirntumoren

Ca. 40%

<0,5%

Peutz-Jeghers- Syndrom

1 bis >100

(Medulloblastom, Glioblastom)

?

<0,5%

Familiäre juvenile Polyposis

50-200

Angeborene Herzfehler, Hydrozephalus, Malrotation der Eingeweide

?

<0,5%

Familiäres (hereditäres) nicht-polypöses kolorektales Krebssyndrom (HNNPCC) (Lynch-Syndrom I + II)

1-10

Endometrium-, Magen-, Gallengang-, Dünndarm- und Transitionalzellkarzinom (gilt für Lynch-II-, nicht für Lynch-I-Syndrom)

80-90%

10-15%

Klinische Syndrome und Genmutationen bei hereditärem Kolonkarzinom - nach [Kullmann F 2004]

Erkrankung

Definition

Andere Organ-
beteiligung

Gen (kartiert/ kloniert)

A) Adenomatöse Polypenerkrankungen

Familiäre adenomatöse Polypose (FAP)

>100 kolorektale Adenome, Beginn des Polypen-
wachstums zwischen 1. und 3. Lebensdekade

>100 kolorektale Adenome,
distal > proximal;
KRK (Risiko fast 100%); Adenome und Karzinome im Duodenum, selten im Magen; benigne Drüsenkörper-
zysten im Magen

Kongenitale Hyper-
trophie des retinalen Pigmentepithels (CHRPE) bei 70% der Patienten; Desmoide bei etwa 10-20%; seltener: Hepatoblastom, Schilddrüsen-karzinome, Astrozytome, Medulloblastome

APC (1987/1991)

Allelische Varianten

Gardner-Syndrom (heute: FAP)

Wie FAP, plus Osteome, plus Epidermoidzysten/ kutane Fibrome

s.o.

Epidermoid-zysten/ Fibrome, Osteome, Desmoide

APC (allelisch zu FAP)

Attenuierte FAP (AAPC; "hereditary flat adenoma syndrome")

5-100 Adenome, Beginn des Polypenwachstums jenseits der 2. Lebensdekade

5-100 Adenome, Karzinome proximal > distal

Selten

APC (allelisch zu FAP)

Turcot-Syndrom

Adenomatöse Polypen/ KRK plus Hirntumor

>100 Adenome + Manifestationen wie bei FAP

Medulloblastome

APC

  • Untergruppe FAP
  • Untergruppe HNPCC

KRK plus Hirntumor

Wenige Adenome, KRK

Glioblastome

Mismatch-Reparatur-
gene (s.u.)

HNPCC (Lynch-Syndrom)

Multiple syn- oder metachrone KRK und andere Tumoren familiär gehäuft

Einzelne Adenome, die zu KRK entarten (proximal > distal)

Karzinome des Endometriums, des Urothels, des oberen GI-Trakts, Pankreas, Ovarien, andere

Mismatch-Reparatur-
gene:
hMSH2
hMLH1
hPMS1
hPMS2
hMSH6/GTBP
hMSH3?
hMLH3?
andere?

Muir-Torre-Syndrom (Untergruppe)

Talgdrüsentumor plus viszeraler Tumor

Kolonkarzinome

Talgdrüsentumoren, Endometrium-karzinom, andere HNPCC-assoziierte Tumoren

Mismatch-Reparatur-
gene:
hMSH2
hMLH1
andere?

"Hereditary mixed polypose syndrome"

Mischung sämtlicher Polypen-formen: juvenile Polypen, gemischt juvenil-adenomatöse, hyperplastische, gemischt hyperplastisch-adenomatös, "serrated adenomas" und Karzinome im Kolon

 

Selten Pankreas-, Nierenzell und Mammakarzinome

HMPS/CRAC1 Locus auf 15q13-q14

B) Hamartomatöse Polyposen

Peutz-Jeghers-Syndrom

Mindestens 2 hamartomatöse Polypen vom Peutz-Jeghers-Typ oder ein Peutz-Jeghers-Polyp plus Pigmentflecken der Lippen und Mundschleimhaut oder ein Peutz-Jeghers-Polyp bei positiver Familien-
anamnese

Peutz-Jeghers-Polypen im Dünndarm und Magen, seltener im Kolon

Hyperpigmentie-
rung der Lippen- und Mundschleim-
haut (Melanin-
spots) bei 50-80% der Patienten, gutartige endokrine Ovarial-/ Hoden-
tumoren, erhöhtes Risiko für Mamma-, Pankreas-, Dünndarm-, Lungen-, Uterus und Ovarialkarzinome

STK11/ LKB1 (1997/1998)

Familiäre juvenile Polyposis

Mindestens 5 "juvenile Polypen" oder ein juveniler Polyp bei positiver Familienanamnese

Juvenile Polypen im Dickdarm; erhöhtes Risiko für bösartige Tumoren des GI-Traktes

Erhöhtes Risiko für Magen- und Duodenalkarzinome

MADH4/ SMAD4/ DPC4 (1998/1998)

Cowden-Syndrom

Multiple Hamartome in vielen Geweben einschließlich Darm

Hamartomatöse Polypen im Kolon und Magen

Verruköse Papeln im Gesicht (Tricholemmome), Papillome mit kopfsteinpflaster-
artigen Erscheinungen an Lippen, Zahnfleisch und Mundschleim-haut, keratotische Papeln an Händen und Füßen, Zysten und Fibroadenome der Brust und Ovarien, Struma und follikuläre Adenomkarzinome der Schilddrüse, Makrozephalie und Makroglossie

PTEN/ MMAC1 (1996/1997)

Allelische Varianten

Bannayan-Zonana-Syndrom (Bannayan-Riley-Ruvalcaba-Syndrom)

Makrozephalie + subkutane und viszerale Lipome und Hämangiome

 

 

 

Lhermitte-Duclos-Syndrom

Hamartome der Gliazellen im Cerebellum

 

 

 

KRK = Kolon-Rektum-Karzinom

Insgesamt sind 5-10% aller kolorektalen Tumoren genetisch bedingt. Diese genetisch determinierten kolorektalen Karzinome und die Syndrome sind ein ideales Modell für die Untersuchung der schrittweisen molekularen Ereignisse in der Entwicklung vom Adenom zum Karzinom und potenieller diagnostischer und therapeutischer Interventionen.

Risikogruppe für die Entwicklung eines kolorektalen Karzinoms

Folgende Personen gehören zur Risikogruppe für die Entwicklung eines kolorektalen Karzinoms:

  • Personen mit einem familiär gesteigerten Risiko für ein kolorektales Karzinom (genetische Grundlage nicht bekannt): Verwandte ersten Grades von Patienten mit kolorektalem Karzinom; Verwandte zweiten Grades haben ein gering erhöhtes Risiko für ein kolorektales Karzinom; Verwandte ersten Grades von Patienten, bei denen ein kolorektales Adenom vor dem 50. Lebensjahr nachgewiesen wurde.
  • Nachgewiesene oder mögliche Anlageträger für ein hereditäres kolorektales Karzinom.
  • Patienten mit einer chronisch-entzündlichen Darmerkrankung.

Für Verwandte ersten Grades ist das Risiko 2- bis 3fach erhöht; das Risiko steigt auf das 3- bis 4fache, wenn bei dem Verwandten das kolorektale Karzinom vor dem 45. Lebensjahr aufgetreten und/oder mehr als ein Verwandter ersten Grades von einem kolorektalen Karzinom betroffen ist. Bei Kindern von betroffenen Eltern ist das Risiko im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung 2,3fach, bei einem betroffenen Geschwisterkind 2,6fach erhöht. Wenn der betroffene Verwandte nach dem 60. Lebensjahr erkrankt, ist das Risiko für erstgradig Verwandte für ein kolorektales Karzinom nur noch gering erhöht.

Verwandte zweiten Grades von Patienten mit kolorektalem Karzinom haben ein leicht erhöhtes Karzinomrisiko (Risikofaktor 1,3), und Verwandte dritten Grades haben kein erhöhtes Karzinomrisiko.

Das Risiko von Verwandten von einem Patienten mit einem kolorektalen Adenom vor dem 50. Lebensjahr ist um den Faktor 2 gegenüber der Allgemeinbevölkerung gesteigert. Es besteht ein 80% höheres Risiko bei Eltern und Geschwistern von Adenompatienten im Vergleich mit deren Lebenspartnern. Das Risiko ist altersabhängig mit einer Erhöhung auf das 4,3fache bei Adenomerkrankungen im Alter =/< 50 Jahren und entsprechend deutlich geringer bei einem Alter >/= 50 Jahre.

Literaturreferenzen:

  • Kullmann F.
    Familiäre Formen des kolorektalen Karzinoms - Genetik, Klinik und Diagnostik
    In: Schölmerich J, Schmiegel W (Hrsg.): Leitfaden kolorektales Karzinom. 2005, 2. Auflage, Uni-Med: 46-59


  • Mendelsohn J, Howley PM, Israel MA.
    The Molecular Basis of Cancer.
    2nd Ed, WB Saunders Company, 2001


  • Wong-Seok J, Chung DC.
    Genetics of hereditary colorectal cancer.
    Semin Oncol 2005;32:11-23. PM:15726502
    [Medline]


  • de la Chapelle A.
    Genetic predisposition to colorectal cancer.
    Nature Reviews Cancer 2004;4:769-780. PM:15510158
    [Medline]


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