Onkologie, Hämatologie - Daten und Informationen
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2 Klassifikation der AML

Autor/en: F. Kroschinsky, H. Wandt
Letzte Änderung: 01.07.2008

Die Einteilung der akuten myeloischen Leukämien (AML) erfolgt gegenwärtig entsprechend der WHO-Klassifikation der Tumoren des hämatopoetischen und lymphatischen Gewebes aus dem Jahre 2001 [Jaffe ES 2001]. In dieser Systematik existieren die von der FAB-Gruppe festgelegten morphologischen und immunologischen Kriterien zur Abgrenzung einzelner Subtypen weiter. Darüber hinaus versucht die WHO-Klassifikation erstmals, biologische Entitäten zu definieren. So wird eine Gruppe von AML mit spezifischen zytogenetischen Aberrationen abgetrennt von solchen, die durch ihre Vorgeschichte (therapieinduzierte AML) oder ihre Morphologie (AML mit multilineärer Dysplasie oder nach FAB-Kriterien) bestimmt sind (s. Tab. 2.1).

Tab. 2.1: WHO-Klassifikation der AML
KategorienLeukämieformen
AML mit typischen zytogenetischen Veränderungen
  • AML mit t(8;21)(q22;q22); AML1/ETO
  • AML mit abnormen Knochenmarkeosinophilen und inv(16)(p13q22) oder t(16;16)(p13;q22); CBFß/MYH11
  • Akute Promyelozytenleukämie - AML M3 mit t(15;17)(q22;q11-12) (PML/RARa) - und Varianten
  • AML mit 11q23-(MLL-)Anomalien
AML mit multilineärer Dysplasie (mindestens 2 Linien betroffen)
  • AML mit vorausgegangener Myelodysplasie/myeloproliferativem Syndrom
  • De-novo-AML ohne vorausgegangenes Syndrom
Therapieinduzierte AML und therapieinduziertes myelodysplastisches Syndrom (MDS)
  • AML/MDS nach Gabe von Alkylanzien
  • AML/MDS nach Therapie mit Topoisomerase-II-Inhibitoren
  • AML/MDS nach sonstiger Chemo-/ Strahlentherapie
AML ohne andere Einordnungsmöglichkeit
  • AML, minimal differenziert (FAB M0)
  • AML ohne Ausreifung (FAB M1)
  • AML mit Ausreifung (FAB M2)
  • Akute myelomonozytäre Leukämie (FAB M4)
  • Akute monozytäre Leukämie (FAB M5a, b)
  • Akute Erythroleukämie (FAB M6)
  • Akute Megakaryoblastenleukämie (FAB M7)
  • Akute Basophilenleukämie
  • Akute Panmyelose mit Myelofibrose
  • Myelosarkom/Chlorom
Für die Diagnosestellung werden >/= 20% Blasten im Knochenmark und/oder Blut verlangt.

Gegenwärtig lassen sich nur etwa 30% der AML anhand der durch die WHO festgelegten Kriterien genetisch definieren. Auf die einzelnen molekularen bzw. zytogenetischen Veränderungen wird an anderer Stelle dieses Buches detailliert eingegangen. Unsere Kenntnisse zur Genetik der AML und deren klinischer Relevanz wachsen so rasch, dass man mit der Definition neuer Entitäten in naher Zukunft rechnen kann. Der Anteil der rein morphologisch (nach FAB-Kriterien) zu klassifizierenden Erkrankungen wird somit kontinuierlich abnehmen. Die FAB-Klassifikation wird dem klinischen Hämatologen jedoch weiterhin Kriterien für eine rasche, kostengünstige und überall verfügbare Primärdiagnostik von AML an die Hand geben, weshalb deren Darstellung nicht ausschließlich aus historischen Gründen erfolgt.

Der wichtigste Schritt bei der Primärdiagnostik einer AML ist die lichtmikroskopische Beurteilung der Zellpopulationen im Knochenmark, ergänzt durch die Auswertung des Blutausstrichs. Gemäß WHO-Klassifikation ist die Diagnose einer AML zu stellen, wenn der Anteil pathologischer Myeloblasten an den nukleären Zellen von Knochenmark und/oder Blut >/= 20% beträgt (laut FAB-Klassifikation ehemals >/= 30%). Alternativ ist die Diagnose einer AML unabhängig vom Anteil der Knochenmarkblasten auch dann zu stellen, wenn im Rahmen der zyto- bzw. molekulargenetischen Analytik eine definierte Aberration gemäß WHO-Klassifikation nachgewiesen wird.

Besteht bei einem Patienten der Verdacht auf das Vorliegen einer akuten Leukämie, so werden die gewonnenen Ausstrich- und Quetschpräparate folgenden Färbungen unterzogen:

  • panoptische kombinierte May-Grünwald-Giemsa-Färbung nach Pappenheim [Bennet JM 1976]
  • Myeloperoxidasefärbung
  • α-Naphthylacetatesterase-Färbung
  • ggf. Eisenfärbung (Berliner-Blau-Reaktion)

Die Auswertung der Präparate muss folgende Kriterien berücksichtigen:

  • Zellgehalt des Knochenmarks
  • Menge und Art der Blastenpopulation
  • Anteil ausreifender granulozytärer bzw. monozytärer Zellelemente
  • Ausfall der zytochemischen Reaktionen
  • Ausprägung und Art von Erythropoese und Megakaryopoese
  • dysplastische Veränderungen in den myeloischen Zellreihen

Die Durchführung der morphologischen Diagnostik wird ausführlich in Kapitel 6 behandelt. Eine Gegenüberstellung der definierenden Kriterien gemäß FAB- bzw. WHO-Klassifikation ist in Tabelle 2.2 wiedergegeben.

Tab. 2.2: Einteilung und Definitionen der AML nach FAB- bzw. WHO-Klassifikation [Bennet JM 1976] [Bennet JM 1985] [Bennet JM 1991] [Jaffe ES 2001] [Zipursky A 1994] [Zipursky A 1999]
FAB-SubtypWHO-NomenklaturMorphologische Definition für alle Subtypen (FAB: >/= 30% Blasten; WHO: >/= 20% Blasten)
M0AML mit minimaler myeloischer Differenzierung
  • Anteil MPO-positiver Blasten von <3% und
  • Nachweis myeloischer (CD13, CD33, CD117) bzw. monozytärer (CD14) Antigene mittels Durchflusszytometrie und/oder
  • Immunologischer Nachweis von MPO und/oder
  • Elektronenmikroskopischer Nachweis von MPO
M1AML ohne Ausreifung
  • 90% Blasten, davon >/= 3% MPO-positiv und
  • Ausreifende Granulopoese (Promyelozyten bis Segmentkernige) mit oder ohne Monozytenanteil von =/< 10%
M2AML mit Ausreifung bzw. mit t(8;21) (AML1/ETO)
  • Maximal 89% Blasten, davon >/= 3% MPO-positiv und
  • Ausreifende Granulopoese (Promyelozyten bis Segmentkernige) mit oder ohne Monozytenanteil von >10% (aber monozytäre Population von <20%)
M3Akute PromyelozytenleukämieLeukämische Population aus Blasten und abnormen, hypergranulierten Promyelozyten, davon >/= 3% MPO-positiv
M3VAML mit t(15;17) (PML/RARa)
  • Wie M3, jedoch Promylozyten mit feineren Granula bzw. agranulär
  • Auffällige, lobulierte Kernformen
M4Akute myelomonozytäre Leukämie
  • Granulozytäre Komponente (Myeloblasten bis Segmentkernige) von >/= 20% der NEZ-positiven Zellen und
  • Signifikante (>/= 20%ige) monozytäre Komponente (Monoblasten, Promonozyten bis Monozyten im KM: >/= 20% der NEZ-positiven Zellen; und Monozyten im PB: >/= 5x 109/l) oder
  • Monoblasten, Promonozyten bis Monozyten im KM: >/= 20% der NEZ-positiven Zellen; und ANAE-Positivität oder erhöhte Konzentration an Lysozym in Urin oder Serum oder
  • Markbefund wie bei M2 und >/= 5x 109Monozyten/l im PB und ANAE-Positivität oder erhöhte Konzentration an Lysozym in Urin oder Serum
M4EoAML mit inv16 oder t(16;16) (CBFß/MYH11)Wie M4, jedoch zusätzlich Nachweis von >5% atypischer Eosinophiler im KM
M5AAkute MonoblastenleukämieMonozytäre Komponente im KM von >/= 80% der NEZ-positiven Zellen, davon >/= 80% Monoblasten, <20% MPO-positive Zellen und >80% unspezifische esterasepositive Zellen
M5BAkute MonozytenleukämieMonozytäre Komponente im KM von >/= 80% der NEZ-positiven Zellen, davon <80% Monoblasten
M6Akute Erythroleukämie
  • Erythropoese von >/= 50% der nukleären Zellen im KM und
  • Blastenanteil von >/= 30% (bzw. >/= 20%) der NEZ-positiven Zellen (AML MGA)
  • Erythroblastenanteil >80% (reine Erythroleukämie, AML M6B)
M7Akute Megakaryoblastenleukämie
  • Megakaryoblasten MPO-negativ
  • Immunologischer Nachweis von Plättchenglykoproteinen (CD41, CD61)
  • Elektronenmikroskopische Untersuchung auf MPO bzw. der Ultrastruktur
  • WHO-Klassifikation: >/= 50% der leukämischen Blasten müssen der megakaryozytären Linie zuzuordnen sein.
AML akute myeloische Leukämie; ANAE (unspezifische) a-Naphthylacetatesterase; KM Knochenmark; MPO Myeloperoxidase; NEZ nicht erythrozytäre Zellen; PB peripheres Blut

Sonderformen:In der WHO-Klassifikation wurden auch klinisch sehr seltene Entitäten (z.B. akute Basophilenleukämie) definiert, auf welche hier nur hingewiesen werden kann. Dies betrifft auch eine weitere Sonderkategorie der WHO, die sich "akute Leukämie mit nicht eindeutiger Linienzugehörigkeit" nennt. Gemeint sind Leukämien, die weder eine eindeutige myeloische noch eine lymphatische Differenzierung aufweisen und die "undifferenzierte akute Leukämien" genannt werden. Daneben gibt es aber auch Leukämien, die eindeutige Kriterien für beide Linien aufweisen und die dann nach WHO als "bilineäre und biphänotypische akute Leukämien" ebenfalls in diese Kategorie eingruppiert werden. Als akute Panmyelose mit Myelofibrose wird eine AML bezeichnet, die mit einer ausgeprägten Panzytopenie einhergeht. Dieses Krankheitsbild wurde früher als "akute Myelofibrose" oder auch als "maligne Myelosklerose" bezeichnet. Zytologisch zeigt sich eine Punctio sicca, histologisch lassen sich Myelofibrose, Hyperzellularität mit fokaler Blasteninfiltration, vermehrte Megakaryozyten und eine trilineäre Dysplasie nachweisen. Es besteht eine Verwandtschaft zur akuten Megakaryoblastenleukämie. Eine Sonderform stellen auch AML und transiente myeloproliferative Erkrankungen beim Down-Syndrom dar [Zipursky A 1994] [Zipursky A 1999]. Myelosarkome (Chlorome) sind lokalisierte Tumoren, die aus AML-Blasten bestehen (z.B. in Haut, Knochen oder Lymphknoten). Der Vollständigkeit halber sei hier auch der Blastenschub bei myeloproliferativen Erkrankungen angeführt.

Literaturreferenzen:

  • Bennet JM et al.
    Proposals for the classification of the acute leukaemias (FAB Cooperative Group).
    Brit J Haematol 1976;33:451-458.


  • Bennet JM et al.
    Criteria for the diagnosis of acute leukemia of megakaryocyte lineage (M7). A report of the French-American-British Cooperative Group.
    Ann Intern Med 1985;103 (3):460-462.


  • Bennet JM et al.
    Proposal for the recognition of minimally differentiated acute myeloid leukaemia (AML-M0).
    Brit J Haematol 1991;78 (3):458-459.


  • Jaffe ES et al.
    World Health Organization Classification of Tumours.
    Pathology and genetics of tumours of haematopoietic and lymphoid tissues.
    IARC Press (eds) 2001, Lyon.


  • Zipursky A et al.
    Myelodysplasia and acute megakaryoblastic leukemia in Down’s syndrome.
    Leuk Res 1994;18 (3):163-171.


  • Zipursky A et al.
    Transient myeloproliferative disorder (transient leukemia) and hematologic manifestations of Down syndrome.
    Clin Lab Med 1999;19:157-167.


Bei ONKODIN publiziert in Kooperation mit "Deutscher Ärzte-Verlag" (Publikation als Buch)
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