9 Tumorlysesyndrom - Prophylaxe und Therapie: Definition, Problembeschreibung und Epidemiologie

Autor/en: M. Sökler, H. Ostermann, C. Bokemeyer
Letzte Änderung: 18.06.2012

Im Rahmen maligner Erkrankungen kann es seltener spontan, häufiger nach Einleitung einer Chemo- oder Radiotherapie zum Auftreten eines Tumorlysesyndroms (TLS) kommen. Dabei übersteigt die Menge in den Blutkreislauf freigesetzter Zellbestandteile durch Tumorzellzerfall die Ausscheidungskapazität der Niere. Dies führt zu Elektrolytentgleisungen und metabolischen Störungen. Es handelt sich um eine onkologische Notfallsituation, die der raschen therapeutischen Intervention bedarf.

Besonders häufig wird eine Tumorlyse bei großer Tumorlast und/oder rascher Tumorzellproliferation beobachtet. Ein guter Surrogatmarker für die Abschätzung des Risikos ist der Serum-LDH-Wert. Mit einem bedrohlichen, evtl. bereits spontan vor Beginn der Tumorbehandlung auftretenden Krankheitsbild muss insbesondere bei undifferenzierten hämatologischen Neoplasien (Burkitt-Lymphome und andere aggressive Non-Hodgkin-Lymphome, akute Leukämien) gerechnet werden. Aber auch bei indolenten Lymphomen und soliden Tumoren, wie z.B. den malignen Keimzelltumoren des Mannes [Baeksgaard L 2003] [Pentheroudakis G 2001], ist ein TLS beschrieben. Das Risiko eines TLS bei verschiedenen Tumoren ist in Tabelle 9.1 zusammenfassend dargestellt [Cairo MS 2010].

Tab. 9.1: Risiko eines Tumorlysesyndroms bei verschiedenen Tumoren

Risiko

Tumoren

Hoch

  • Burkitt-Lymphom [Cohen LF 1980] [Wössmann W 2003]
  • B-lymphoblastisches Lymphom [Tsokos GC 1981]
  • Andere akute Leukämien und aggressive Lymphome bei hoher Zellzahl (>100.000/µl) oder hoher LDH [Montesinos P 2008] [Hande KR 1993]
  • Intermediäres Risiko + Nierenfunktionseinschränkung oder Erhöhung von Harnsäure, Kalium oder Phosphat

Intermediär

  • Akute Leukämien mit geringerer Zellzahl und LDH <2x ULN
  • CLL unter Chemoimmuntherapie oder mit Zellzahl >50.000/µl
  • Kleinzelliges Bronchialkarzinom bei großer Tumormasse [Beriwal S 2002]
  • Keimzelltumoren bei großer Tumormasse [Pentheroudakis G 2001]
  • Neuroblastom bei großer Tumormasse [Hain RD 1994]

Niedrig

  • Plasmozytom [Fassas AB 1999]
  • M. Hodgkin [Mahajan A 2002]
  • CML, Osteomyelofibrose [Sile S 2001]
  • Indolente Lymphome
  • CLL bei geringer Tumormasse
  • Solide Tumoren (z. B. NSCLC, Kolonkarzinom, Magenkarzinom, HCC, Melanom, Merkel-Zell-Karzinom, Weichteilsarkome, Ovarialkarzinom, Vulvakarzinom)

Von Cairo und Bishop wurde 2004 die Unterscheidung einer reinen "Labor-Tumorlyse" von einem klinischen Tumorlyse-Syndrom vorgeschlagen [Cairo MS 2004]. Von einem Labor-TLS sprechen die Autoren, wenn 2 oder mehr der folgenden Laborveränderungen vorliegen:

Für ein klinisches TLS wird zusätzlich eines der folgenden Kriterien gefordert:

Über die Inzidenz des TLS liegen keine genauen, prospektiv erhobenen Angaben vor. In einer retrospektiven Analyse von 788 Patienten mit akuter Leukämie und NHL wurde zu 18,9% eine Hyperurikämie und zu 5% ein TLS beobachtet [Annemans L 2003b]. Bei einer neueren monozentrischen Auswertung von 772 Patienten mit AML war bei 5% ein klinisches und bei 12% ein laborchemisches Tumorlysesyndrom aufgetreten [Montesinos P 2008]. Die Inzidenz eines TLS innerhalb der ersten 2 Wochen nach Therapiestart bei der Behandlung der pädiatrischen B-ALL/des Burkitt-Lymphoms beträgt 8,4%, bei Patienten mit einem LDH-Wert von >1000/µl 19,1% [Wössmann W 2003]. In einer Serie von 33 Patienten mit lymphoblastischem oder undifferenziertem Lymphom präsentierten sich 3 Patienten bereits vor Etablierung einer Tumorbehandlung mit einem akuten Nierenversagen [Tsokos GC 1981]. Ein TLS kann nicht nur unter Chemotherapie auftreten - auch nach Radiatio [Linck D 2003] [Rostom AY 2000], unter einer alleinigen Steroidtherapie [Yang SS 2003], unter Immuntherapie mit Rituximab und alpha-Interferon [Yang H 1999] und unter Thalidomidtherapie beim Plasmozytom [Cany L 2002] wurde ein TLS beschrieben.

Von pathophysiologischer Bedeutung ist der Anstieg der Konzentrationen des Serumkaliums, der Harnsäure und des Phosphats bei gleichzeitigem Abfall des Serumkalziumspiegels. Durch die Hyperurikämie und das Ausfallen von Kalziumphosphat kann ein akutes Nierenversagen verursacht werden [Altman A 2001] [Jeha S 2001] [Jones DP 1995] [Sallan S 2001].